Triggerwarnung: Bodyshaming
Es ist doch immer wieder der gleiche Scheiß. Kaum bin ich im Kino, setzt sich eine hässliche, fette Qualle neben mich. Als ob der Saal nicht groß genug wäre, nein, ich ziehe sie an wie ein Scheißhaufen die Fliegen.
Wenigstens fängt der Film endlich an. Oh, Regie führt der Typ aus »Alien«, das kann ja doch noch was werden. Und Angelina Jolie spielt sogar mit. Aber die Qualle müffelt. Das geht ja mal gar nicht! Riecht wie ein Marathonläufer nach dem Training in einer Frittenbude, aber ich glaube kaum, dass sie großartig trainiert. Ihr größter Albtraum muss es sein, ein Gebäude ohne Aufzug zu betreten.
Die Qualle stinkt dermaßen nach Schweiß und Bratfett, dass ich ernsthaft überlege, mich umzusetzen. Aber das wäre unhöflich. Ich habe ja nichts gegen dicke Menschen, überhaupt nicht. Zumindest wenn sie im Hochsommer dazu in der Lage sind, mal zu duschen. Aber das Exemplar hier ist dazu noch hässlich wie die Nacht. Dick und hässlich sind zwei paar Schuhe, die viel zu oft Jacke wie Hose sind.
Die hübsche Freundin oder Schwester der Qualle, woher soll ich das auch so genau wissen, reicht ihr einen Eimer rüber. Mir schwant Übles. Popcorn. Jetzt will das Vieh auch noch gefüttert werden. Anstatt sich nach und nach etwas zu nehmen, langt die Qualle richtig zu. Eine Hand in den Mund gestopft, dann die zweite, die dritte. Das schmatzende Geräusch ist so laut und abtörnend, dass es ein Wunder ist, wenn sich das knutschende Pärchen ungefähr sieben Reihen vor uns nicht gleich angewidert beschwert. Mir ist auf jeden Fall übel. Doch dann gibt die Qualle den Popcorn-Eimer wieder zurück. Es gibt doch noch einen Gott.
Diäten aber auch. Ich frage mich, ob sich das bereits nach Fettland herumgesprochen hat. Vielleicht kann sie ja nichts für ihre Fettleibigkeit. Wahrscheinlich aber doch.
Ich weiß nicht warum, aber ich muss dieses Ding weiter im Augenwinkel beobachten. Sie rutscht hin und her, flüstert manchmal mit der Frau neben sich. Sogar in dem dunklen Kinosaal kann ich die Schweißperlen erkennen, die in kleinen Bächen über ihr Gesicht fließen. Ich kann mich nicht abwenden. Wie man nach einem schlimmen Autounfall nicht wegsehen kann, gelingt es mir jetzt nicht, den Blick abzuwenden. Die Faszination des absolut Unerotischen, die Ästhetik des vollkommen Unschönen.
Plötzlich lacht der halbe Saal, es muss etwas Komisches im Film passiert sein, aber die Qualle grunzt nur wie ein Schwein. Speichelfäden zwischen den Lippen, Popcornreste zwischen den Zähnen. Sie grinst mich abstoßend an. Ich lächele verhalten zurück. Grunzen, sabbern, schwitzen.
Als der Film vorbei ist, geht die Qualle mit ihrer Begleiterin nach draußen, und auch ich verlasse kurz darauf den Kinosaal. Am Süßigkeiten-Automaten sehe ich sie wieder. Zwei Mars, ein Twix. Ich gehe auf die Begleiterin zu und überlege, ob ich sie anmachen soll. Ein scharfes Gerät.
Sie kommt mir zuvor. »Starker Film, meinst Du nicht auch?« Ich nicke, obwohl ich nichts mitbekommen habe. »Nächste Woche vielleicht wieder Bock?« Ich nicke.
»Ich freue mich sehr für Euch. Ihr passt so gut zusammen.« Die Qualle kommt auf uns zu und drückt jedem ein Mars in die Hand.
»Reiseproviant«, grinst sie. »Und Stärkung für die After-Show-Party.«
Ich ergreife ihre aufgequollene Hand, und wir gehen gemeinsam zu ihrem Auto.
Retrospektive
Mal was Neues: Bevor ich meine Version gelesen habe, habe ich die Geschichte gelesen, die aller Voraussicht nach aus der Erinnerung die Inspiration für mein Werk war. Das Original ist deutlich verschachtelter, aber – natürlich – auch besser. Lesenswert, wenn man die Abgründe von Ehe- und Beziehungsentscheidungen kennenlernen mag.
Meine Version finde ich aber auch okay. Das Ende greift leider nur bedingt. Aber dieses Ohnmachtsgefühl angesichts dysfunktionaler Beziehungen kannte ich nur zu gut und habe es in eigene Worte gepackt. Echt nicht nett. Es ging mir jedoch nicht darum, Fettleibige oder allgemein Frauen zu diskreditieren. Denn in meiner Beziehungsvita sind tatsächlich alle Typen vorhanden. Spielt(e) für mich, wenn überhaupt, nur eine untergeordnete Rolle. Denn Attraktivität hängt wirklich nicht vom BMI ab.
Ob jemand attraktiv wirkt oder nicht, liegt auch an einem selbst. Und wenn man unzufrieden ist, stößt einem einfach alles negativ auf. Ich glaube, das war der Kern dieser Geschichte. (Wenn ich mich recht entsinne, gab es zum Entstehungszeitpunkt auch keinen konkreten Anlass, unzufrieden zu sein.)

