Triggerwarnung: sexualisierte Sprache
I.
»Kommst Du jetzt endlich?« Sie brüllt mich bestimmt schon zum zehnten Mal aus dem Wohnzimmer an, und ich tue so, als würde ich es zum zehnten Mal überhören.
Der Haussegen hängt gewaltig schief. Die letzten Monate waren wirklich nicht einfach, aber dass sie gerade jetzt auf Teufel komm raus zu ihrer Mutter fahren will, ist mir zwar schleierhaft, aber soll sie doch. Was mich aufregt, ist, dass ich unbedingt mitkommen soll, obwohl ich ihre Mutter partout nicht leiden kann. Wahrscheinlich sogar, eben weil ich ihre Mutter nicht leiden kann.
Zeit, ein Exempel zu statuieren. Mal wieder. Meine Finger sind schon seit einer halben Stunde schrumpelig, aber ich werde in der Wanne bleiben, bis sie mir ganz abfaulen. Hmm, jetzt ordentlich… Ich denke an meine Frau, es regt sich gar nichts. Paris Hilton schießt mir in den Sinn. Ist genauso eine Hohlbirne wie meine bessere Hälfte. Sieht aber besser aus. Der kleine Kerl regt sich langsam. Angelina Jolie. Geile Sau. Blaslippen, von denen jeder Mann träumt, doch unerreichbar. Die gerade volljährig gewordene Nachbarstochter von unten. Yam! Yam! Oh ja, dieses kleine Miststück, das ganz genau weiß, wenn man ihr auf den Arsch guckt. Und erst diese Möpse. Klein, zierlich und so süß. Mein kleiner Kerl regt sich nicht nur, er ist fast schon soweit.
Da hämmert es plötzlich an die Tür. »Bist Du endlich soweit?« keift sie, »wie lange brauchst Du denn zum Duschen?« Dass die Frau mir auch jeden Spaß verderben muss. Schlimm genug, dass zwischen uns seit Monaten nichts läuft, jetzt sorgt sie bereits dafür, dass mit mir selbst nichts mehr läuft. Sie jetzt zur Sau zu machen, dass sie mir meinen potentiell ruhigen Moment ruiniert hat, wäre ein zweischneidiges Schwert. Einerseits fände sie wahrscheinlich Gefallen daran, mir einen Strich durch die Rechnung gemacht zu haben. Andererseits würde sie mir die Eingeweide durch das linke Nasenloch herausziehen, wenn sie wüsste, dass ich in solchen Situationen an das Flittchen von unten und alle anderen Frauen dieser Welt, nur nicht an sie denke.
Hoffentlich haut sie gleich ab, dann kann ich wenigstens in die Kneipe.
II.
»Ich dusche gar nicht«, ruft er aus dem Badezimmer. Pause. »Mein Schatz.« Ich frage lieber nicht, was er stattdessen macht. Holt sich wahrscheinlich wieder in der Badewanne einen runter und denkt, ich bekomme davon nichts mit. Das Arschloch ist so dämlich. Wie soll ich davon nichts mitbekommen, wenn er das Resultat seiner Mühen quasi im ganzen Bad verteilt? Mich rührt er ja nicht mehr an. Ist auch besser so. Seit das Schwein nicht mehr regelmäßig duscht, ist mir jegliche Lust vergangen.
»Und warum nicht?« frage ich bestimmt hörbar genervt. Hoffentlich.
»Weil wir doch Wasser sparen müssen«, sagt er, »wenn ich solange duschen würde, wie ich bade, hätten wir ja gar kein Geld mehr.« Wenigstens wäscht er sich mal wieder, die zwei Wochen müssen um sein.
Unser Therapeut hat mal gesagt, dass wir Kommunikationsprobleme hätten. Ich sagte spontan ja, er sagte nein, und das sagte schon alles. Immer weicht er meinen Fragen aus, redet nicht mit mir. Mir ist es langsam egal, ich habe echt die Schnauze voll, gegen Windmühlen anzureden.
»Kommst Du denn nun mit zu meiner Mutter, oder nicht?« Natürlich nicht.
»Wenn Du noch eine halbe Stunde warten kannst, überlege ich es mir«, ruft er zurück. Klar. Ist mir auch lieber so. Meine Mutter hasst ihn seit Anbeginn der Zeit, vor allem, weil noch kein Enkel in Sicht ist, und versucht mich immer wieder mit Nachbarn und Arbeitskollegen zu verkuppeln. Heute hat sie ihren Chef eingeladen. 35, erfolgreich, und einen knackigen Arsch soll er auch haben. Da bin ich ja mal gespannt.
Ich schnappe meine Handtasche und schlage wortlos die Wohnungstür hinter mir zu. Soll er sich doch wieder mit seinen Kumpels in der Kneipe treffen.
Als ich jung war, sagte meine Mutter immer, dass zwei Liebende nur zwei Engel mit jeweils einem Flügel seien, die sich umarmen müssten, um fliegen zu können. Beruhe angeblich auf einem alten griechischen Mythos.
Romantisch-verklärter Scheiß. Wenn es bei uns jemals so war, haben wir uns längst am Höhepunkt losgelassen und sind nun beide im freien Fall nach unten. Ohne mich. Ich bin dabei, mir einen Fallschirm zu besorgen.
III.
Schöne Frauen gibt es wie Sand am Meer. Intelligente Frauen ebenfalls. Und von hässlichen und dummen Exemplaren gibt es so viele wie Planeten im Universum. Schöne und intelligente Frauen dagegen sind rar gesät. Und Frauen, die einem wie auf den Geist geschneidert sind, bleiben Unikate. Für einen jeden gibt es nur eine Frau, die das Traumfrauenprädikat von Kopf bis Fuß erfüllt.
Diese eine Frau hat er vielleicht schon getroffen, aber auf jeden Fall nicht geheiratet. Doch er glaubte es einmal. Kurz. Ihr geht es nicht anders.
Als sie sich einst kennen lernten, waren beide dermaßen sternhagelvoll, dass seine Anmache »Ficken?« gleich gezogen hat. Beide mit Anfang 20 noch jungfräulich und entsprechend frustriert, liebten sie sich, weil sie das bekommen haben, wonach sie sich gesehnt haben.
Vielleicht wäre alles anders gelaufen, wenn sie weniger getrunken hätten. Vielleicht haben sie ihre jeweiligen Traumpartner gesehen, sich Hals über Kopf verliebt, aber weil sie so besoffen waren, hat das Gehirn einfach zu lange gebraucht, um diese Informationen schnell genug zu verarbeiten, weshalb es erst gewaltig »Klick« gemacht hat, als sie sich zufällig gegenüberstanden. Wie im Restaurant: Huhn bestellt, Schwein bekommen. Und bevor man gar nichts isst…
Ein neues »Klick« hat es bei beiden nie wieder gegeben. Auch heute nicht.
Der Vorgesetzte ihrer Mutter ist ganz sicher ein toller Kerl, und den Knackarsch kann sie bezeugen, aber er beachtet sie kaum. Schwul, vergeben oder auf der Suche nach etwas Jüngerem. So oder so außer Reichweite.
Bei ihm läuft es nicht besser. Die jungen Häschen in der Kneipe erteilen der Anmache des notgeilen Bocks, die in seinem Leben nur einmal funktioniert hat, immer wieder die gleiche Absage. Die Kumpels haben mehr Glück.
Als sie abends nach Hause kommen, sind beide völlig frustriert. Die erste Gemeinsamkeit seit vielen Jahren. Aus lauter Verzweiflung schlafen sie miteinander, immerhin hat er geduscht. Unfall, Schicksal oder Grausamkeit, sie zeugen dabei ein Kind, bevor ihr Mindesthaltbarkeitsdatum abgelaufen ist. Die Oma wird es freuen. Wahrscheinlich als einzige. Damit ketten sie sich aneinander und bekommen das, was sie verdienen. Sich gegenseitig. Lebenslänglich.
Retrospektive
Bittersüß. Finde ich witzig. Die Idee war offenbar, drei Perspektiven in einer Kurzgeschichte zu haben: Seine. Ihre. Und die Objektive. Männlich geprägt, aber beide versagen auf ganzer Linie. Eine Geschichte ohne Gewinner*innen – außer der Schwiegermutter. Vielleicht.
Was ich hier mag, ist diese kurzgefasste Alltagsscheiße, die so simpel und doch so schwer ist. Einmal vernünftig miteinander reden würde helfen. Aber warum reden, wenn man auch unglücklich sein kann?

