Er hat zwar keine Ahnung mehr, wer Edward George Bulwer-Lytton genau war, aber vor dem Spiegel stehend kommt Daniel sein Lieblingszitat in den Sinn. »Die Feder ist mächtiger als das Schwert.« Eigentlich ein Satz für die Ewigkeit.
Über die Jahrhunderte hat die Feder über das Schwert gesiegt, den Kampf gegen die Tastatur aber sang- und klanglos verloren. Wenn Kunst dazu auserkoren ist, die Welt zu verbessern, stellt sich zweifellos die Frage, was mit ihr passieren würde, sobald das Ziel erreicht ist. Gibt es im Paradies Bücher?
Der Professor hat sie gelehrt, dass Kunst frei macht, aber nicht bloß dem Selbstzweck dienen soll. Kunst ist nie verkehrt, wenn sie etwas ausdrückt. Kunst hat immer ihre Daseinsberechtigung, wenn sie die Menschen zum Nachdenken herausfordern kann.
Das klingt nach edlen Motiven, auch wenn sie Kunst über die Kunst definieren – der Kern zählt. Und der hat Daniel irgendwie hierher geführt. Vor dem Waschbecken stehend schaut er in das Sammelsurium aus Wasser, Schweiß und Panik, die ihm im Gesicht stehen. Er musste noch nie vor Publikum sprechen, geschweige denn alleine auftreten, und doch hat es ihn auch am heutigen Termin des allmonatlichen Literatur-Zirkels seiner Fachschaft verschlagen. Thema heute: »Eigene Werke«.
Standen bei den letzten Treffen dieser Art noch Lesungen der großen Dichter und Denker wie Goethe und Grass im Vordergrund, sind nun die wirklich wichtigen Ergüsse am Zug, und Daniel hat sich gefragt, warum man sich an alten Schinken derart aufgeilen soll. Schiller ist toll, ja, und dieses Genie der Schreibkunst zu zitieren, beeindruckt ganz sicher irgendwelche Erstsemester-Girlies, aber einen selbst bringt das keinen Schritt weiter. Nein, letzten Endes zählen nur die eigenen Werke, seine hausgemachten Gedanken, der persönliche Versuch, die Welt zu verändern.
In dieser seltsamen Kombination aus Studentenkneipe, Café und Swingerclub wird er der Erste sein, der auf die Bühne tritt. Max kommt in den Waschraum und fragt, ob sein Schützling soweit sei. Daniel nickt, macht aber keine Anstalten, sich vom Fleck zu bewegen. »Kannst Du mir noch eine Cola bringen?«, fragt er Max. Wortlos zieht dieser von dannen und verschwindet wieder im wirren Durcheinander von gut drei Dutzend Anwesenden. Zusätzliche Sekunden zur emotionalen Einstimmung, bis es kein Zurück mehr gibt.
Max bringt ihm die gewünschte Cola. »Hier, mein Freund«, sagt er, »ich kündige Dich in einer Minute an. Halt Dich bereit!«
Daniel leert das Cola-Glas in einem Zug, und die Meute im Nebenraum ist mit einem Schlag andächtig still, als sei ihr der Herrgott höchstselbst erschienen. Er kann nur vermuten, dass dem nicht so ist, und erlangt Gewissheit, als Max laut rufend den ersten Autor des Abends auf die Bühne bittet. »Daniel, hier wartet Dein Publikum!«
Ein letzter Blick in den Spiegel, ein plötzliches Phantom-Gefühl sich anbahnender Diarrhoe. Er geht die Checklist durch – Selbstzweck? Nein. Ausdruck? Wahrscheinlich. Nachdenken? Erwünscht. Daniel atmet noch einmal tief durch und betritt dann den Hauptraum.
Die ruhige Atmosphäre ist einem Flüstern und Kichern gewichen, aber das tut Daniels Konzentration keinen Abbruch. Er schreitet wie ein Oscar-Gewinner auf die Bühne zu und blickt in neugierige Gesichter. Sein Laudator macht Platz und zieht sich zurück.
Nun steht Daniel ganz alleine im schalen Scheinwerfer-Kegel. Seine Angst spürt er bis in die Haarspitzen, aber das kann er geschickt überspielen. Er zittert nicht, und wenn er es täte, dann nicht, weil er befürchtet, dass sein Werk nicht als solches akzeptiert wird, viel eher macht ihn einfach die Menge nervös. »Du musst das Publikum für Dich gewinnen«, hat seine Mutter ihm mit auf den Weg gegeben, »Du musst Selbstsicherheit ausstrahlen und den Leuten Honig ums Maul schmieren«. Wenn er eins an der Uni gelernt hat, dann ist es abgrundtief höfliches Schleimen.
»Hallo, Welt«, beginnt Daniel.
»Hallo, Daniel« ertönt zurück. Verhalten, aber nicht unfreundlich.
»Jetzt stehe ich also vor Goethes Erben, wenn man so will, vor der intellektuellen Zukunft unserer Gesellschaft.« Die Mehrheit des Publikums lässt plötzlich einen Hauch von Stolz in den Augen aufblitzen, als hätte der Nachwuchs gerade ein Bäuerchen gemacht. »Da ist es natürlich nicht einfach, das passende Stück auszuwählen. Aber ich habe etwas Adäquates gefunden. Es trägt den Titel: ›Negation elitärer Konventionen‹« Daniel beugt sich recht weit nach vorne, holt ganz tief Luft, vernimmt einen wohlklingenden Applaus. Und Bruchteile, nachdem das Geklatsche versiegt ist, gibt er sein Werk zum besten. Die Cola hat ihren Zweck erfüllt. Daniel rülpst einmal quer über die Bühne, dass man denken könnte, er muss sich gleich übergeben. Eine Minute später steht er bereits vor dem Lokal. Alleine.
Zu behaupten, dass Daniel heute die Welt verbessert habe, ist sicherlich überzogen. Vielleicht aber auch nicht. Zumindest hat er seine eigene Welt verändert. Sein Professor hatte Recht: Kunst macht frei. Frei genug, einen Abend im Monat etwas Sinnvolleres zu tun.
Retrospektive
Ich möchte lösen: Daniel ist ein Lappen. Was ich damit beabsichtigt hatte, kann ich nur mutmaßen. Ein bisschen das Außenseitertum feiern vielleicht? Hauptsache dagegen. Egal, gegen was. Schön, heute alt und weise zu sein.

