»Du bist was?« Stefan schrie Mike beinahe an, aber noch sahen sie sich nicht den Blicken des restlichen Lokals ausgesetzt. »Wir kennen uns seit zehn Jahren, und Du hast mir nie etwas erzählt? Was soll das denn bitteschön für eine Freundschaft sein? Arschloch!«
Mike war die Situation sichtlich unangenehm. Jetzt, da er die Liebe seines Lebens gefunden hatte, und nicht nur das, er träumte schon vom Zusammenziehen, nach all den Jahren des Versteckspielens, wollte er zumindest mit seinem besten Freund klar Schiff machen. Geheimnisse sind Gift für jede Beziehung, von daher blieb er bei all dem Frust und den beleidigenden Äußerungen, die ihm entgegen schlugen, betont gelassen. Schließlich würde auch er nicht anders reagieren.
»Es tut mir Leid, wirklich, das musst Du mir glauben«, beteuerte Mike, »ich wusste einfach nicht, wie ich es Dir sagen sollte. Du warst eigentlich schon immer recht distanziert, und ich wollte nicht, dass unsere Freundschaft daran zerbricht. Und scheinbar habe ich Recht damit gehabt.« Stefan schlug so hart auf den Tisch, dass eine Flasche Bier umkippte und sich die ersten Gäste unmerklich dem Gespräch zuwandten. Einer glotzte sogar explizit ungeniert. Im Umkreis der Zwei wurde es etwas stiller, darüber hinaus herrschte jedoch weiterhin das typische Kneipengetose.
»Du glaubst also, Du kannst mir all die Zeit einen vom Pferd und Märchen erzählen, dann sagst Du ›Oh, sorry, war alles gelogen‹, und plötzlich ist wieder Friede, Freude, Eierkuchen? Du kannst mich mal! Nicht mit mir!« Pause. »Ich geh pissen.« Beim Aufspringen warf er die zweite Bierflasche um.
Mike knibbelte nervös an seinen Fingernägeln. Er wusste zwar, dass er Mist gebaut hatte, aber welche Wahl hatte er schon gehabt? Um Freundschaften zu pflegen, muss man Kompromisse eingehen, und manchmal muss man sogar kleine Notlügen erfinden, um überhaupt jemanden näher kennen zu lernen, den man sympathisch findet. Und irgendwann ist man so gut befreundet, dass es keinen Weg zurück zur Wahrheit gibt. In der Einbahnstraße der Lüge kann es gefährlich sein, einfach umzukehren. Dass sein Kumpel aber so explosiv reagieren würde, hatte Mike vielleicht befürchtet, doch ganz sicher nicht erwartet. So hatte der Abend für beide etwas Überraschendes. Gleiches Recht für alle.
Stefan kam mit zwei neuen Flaschen zurück. Sein Gesicht war feucht, die Hände um einiges ruhiger und auf seinen Lippen fand man wieder den Ansatz eines Lächelns. Er setzte sich und reichte Mike dann das Bier, um anzustoßen. Die umliegenden Tische warteten auf das große Finale.
»Auf meinen besten Freund«, sagte Stefan.
»Auf uns«, erwiderte sein Freund, der nun erleichtert war, dass der Abend scheinbar weder in einer Schlägerei noch im Verlust einer der wichtigsten Personen in seinem Leben enden würde.
Stefan wirkte konzentriert, aber wieder gelassen. Offensichtlich hat er sich beruhigen können, und er fand nun wieder versöhnlichere Worte. »Ich bin wohl vorhin ziemlich ausgerastet. Sorry.« Mike schüttelte zwar den Kopf, wusste es aber natürlich besser. »Ich bin zwar dennoch der Meinung, dass das eine scheiß Aktion von Dir war, aber wenn das die einzige Sache ist, die Du mir verheimlicht hast, will ich ausnahmsweise Gnade vor Recht walten lassen.«
»Village-People-Indianer-Ehrenwort.« Mike leckte zunächst den Zeige- und dann den Mittelfinger an und machte das Victory-Zeichen.
»Meinetwegen auch das. Schwuchtel!« Beide Männer grinsten wieder unbehelligt. »Ich meine ja nur …« Stefan suchte nach den richtigen Worten, aber irgendwie wurde er nicht fündig und stammelte einfach weiter. »Irgendwie … Also … Du weißt schon. Ich dachte halt immer, wir seien Gleichgesinnte oder sowas. Wenn ich das damals schon gewusst hätte, dann hätte ich Dir viele Dinge gar nicht erzählen können und wollen. Ich weiß nicht, ob ich nun sauer oder froh sein soll. Ich glaube, ich fühle mich einfach verarscht.«
»Das ist auch Dein gutes Recht«, gab Mike zu verstehen. »Aber zwischen uns ändert sich hoffentlich nichts. Ich habe ja nicht die Pest.«
»Aber sowas Ähnliches wie die Schweinegrippe ist es schon«, schrie sein Kumpel durch den Raum, aber es interessierte niemanden mehr. Es gab weder Show noch Showdown, und sogar der Gaffer glotzte und lauschte nun woanders hin. »Du weißt ja, wie die Jungs so sind. Kaum wissen die, dass jemand auf das falsche Geschlecht steht, machen sie darum ein Affentheater, als würde sich der Papst plötzlich outen.« Stefan stieß mit der Zunge von innen gegen die Wand. Das internationale Zeichen für Blasen. Lutschen. Fellatio. Blowjob.
»Ja, ich weiß, und das bereitet mir auch Sorgen. Könntest Du Dich erst einmal zurückhalten und nichts erzählen? Ich will, dass die Jungs es von mir erfahren.«
»Ich gebe Dir eine Woche, dann petze ich.«
»Ist abgemacht. Nun alles wieder senkrecht?« fragte Mike.
»Ja, für meinen Teil schon«, antwortete Stefan. »Aber eine Sache wüsste ich noch gerne.«
»Ich kann es mir schon denken, aber schieß los.«
»Wie ist es denn so? Also … Wie ist der Sex?«
»Ich denke, nicht viel anders als bei Dir. Es ist geil, es macht Spaß.«
Aber Stefan bohrte weiter: »Ach, komm schon. Du hast doch die Vergleichsmöglichkeiten. Ist es mit einem Mann anders als mit einer Frau?«
»Nein.«
»Also ist es egal, ob Du nun einen Mann oder eine Frau nimmst? Dein Schwanz merkt keinen Unterschied?«
Mike holte noch einmal tief Lust. »Nein.«
»Wie nein?« Stefan war verwirrt.
»Nein, ich habe keine Vergleichsmöglichkeiten.«
»Was?« Er konnte oder wollte nicht glauben, was da aus Mikes Mund kam. »Aber Du hast doch immer so mit Deinen Bettgeschichten geprahlt!«
»Das war gelogen. Männliches Imponiergehabe. Verbaler Schwanzvergleich. Nenn es, wie Du willst.«
»Das heißt, Du hast wirklich noch nie mit …?« Er musste sich auf den Schock erst einmal sein restliches Bier in den Rachen schütten. »Rülps!«
»Nein, nie. Welche Wahl hatte ich denn, um einigermaßen mitreden zu können?«
»Also irgendwie hast Du ja Recht, aber …«
»Nichts aber. Es reizt mich einfach nicht. Stefan, nach all den Jahren muss ich es Dir sagen, auch wenn es für Dich hart klingen mag und Du es absolut nicht nachvollziehen kannst: Ich bin wirklich absolut heterosexuell. Pussys, Mösen – hast Du bestimmt schon einmal von gehört. Und auf Analsex stehe ich trotzdem.« Auch wenn Mike das eher ernst sagte, musste sein schwuler Freund fett und schmutzig grinsen, bekam aber gleich den Wind aus den Segeln genommen. »Keine Chance, Stefan. Es muss schon ein Frauenarsch sein.«
»Ist schon komisch«, sagte Stefan. »Wir kennen uns so lange, aber Du warst nie mein Typ. Jetzt packt mich plötzlich der Ehrgeiz, Dich umzupolen.«
»Ob Falschparker oder nicht, jeder will das, was er nicht bekommt«, gab Mike augenzwinkernd zu verstehen.
»Mag stimmen. Noch ein Bier?«
»Aber klar doch.«
»Gut, hol’s Dir selber! Jeder will das, was er nicht bekommt«, äffte Stefan seinen Freund mit einer extrem tuntig-näselnden Stimme nach. Beide lachten.
Retrospektive
Das offensichtliche Ende meines Schaffens ist eine nette Geschichte, finde ich. Gut zu wissen, dass auch mein jüngeres Ich offenbar der Meinung war, dass die Sexualität wenig über Menschen aussagt. Bzw. ob „richtig“ oder „falsch“ gepolt eine Frage der Perspektive ist, was ich hier ein Stück karikieren wollte.
Wahrscheinlich ist das Ganze etwas zu stereotypisch, aber schieben wir das gerne auf mangelnde Erfahrung in Bezug auf „Coming-outs“.

