Einig Glatzenland

Kontext
Entstanden: 8. November 2007
#11 Mal was Politisches
Ein Jahr später. Neue Stadt, neuer Lebensabschnitt, neue Partnerin – und vermutlich ein neuer Stil. Eigentlich wollte ich nur wieder schreiben. Diese kleine politische Satire war der Versuch, wieder reinzukommen.

Im Grunde war es keine große Sache: Schnipp schnapp, Haare ab.
Wer aber dort seine Kopfhaut zum Besten gab, war brisant. Die Kanzlerin höchstpersönlich bat um den Termin zum Scheren, um ein Zeichen zu setzen. Um zu beweisen, dass eine Frisur auch dann nicht mehr ist, wenn sie keine mehr ist. Um klar zu machen, dass man weder an der Nase noch an der Länge der Haare festmachen kann, ob ein Mensch die Inkarnation des Bösen ist.
Aus der guten Glatzenidee ist ein politisches Desaster geworden. Ihre Karriere fiel wie ihr Haar einfach zu Boden. Und das ganze Land zog nach.

Gescheitert an der unglaublichen Dummheit der Menschen und an ihrer eigenen unglaublichen Naivität, wirklich noch an das Gute und an die Vernunft der Menschen gleich welcher Herkunft glauben zu wollen.
Ein altes Sprichwort besagt, dass man den Menschen nur vor den Kopf gucken könnte. Die meisten jedoch waren lediglich imstande, den Menschen auf den Kopf zu schauen.

Dass sie das Risiko einging, gleich mehreren oppositionellen Lagern Wasser auf die Mühlen zu geben, dessen war sie sich gewiss bewusst. Die Motive ihrer Aktion waren menschlicher Natur. Dennoch ließ man fortan kein gutes Haar mehr an ihr.
Die nationalistische Front hatte in der Kanzlerin ihr Zugpferd gefunden, das sie zurück ins Bewusstsein brachte. Guckt an, sogar die Kanzlerin steht zu unseren Werten! Und die Massen folgten zum Friseur und in die Wahlkabinen.

Spätestens ab diesem Zeitpunkt war das Eigentor unverkennbar, und die eigene Partei stellte ein Misstrauensvotum trotz der weiterhin vorherrschenden Mehrheit im Kabinett und vor allem im Volk. Eine Frau, die trotz Kenntnis der eindeutigen Symbolik so unverantwortlich mit ihrer Haarpracht umginge, von der könnte man weiß Gott keine politisch-korrekten Entscheidungen mehr erwarten. Dass sie mit kahl geschorenem Kopf nicht mehr das Haupt des Landes sein konnte, das sah die Parteispitze so, aber die Wähler entschieden anders und boykottierten die Wahlen.

Die rechten Wähler wählten, alle anderen taten es nicht. Die Verantwortung dafür gab man der Glatzenfrau. Ganz gleich, was sie damit bezwecken wollte, das hätte sie schließlich niemals nie tun dürfen. Und die Weltreligionen stimmten ein. Wenn Gott gewollt hätte, dass Frauen keine Haare haben, hätten sie von Geburt an eine Glatze. Haarausfall oder Krankheit seien Gottes Fügung, die freiwillige Kahlrasur dagegen würde unweigerlich in die Hölle führen.

Die Situation eskalierte, und die Menschen, die das Ganze bis zuletzt amüsiert oder distanziert betrachteten, sahen sich ob des Haarfalls mit einem Konflikt konfrontiert, der fast in einem Bürgerkrieg gipfelte. Die Haarigen gegen die Haarlosen. Um Politik ging es schon lange nicht mehr.
Dass es soweit dann doch nicht kam, ist den Vereinten Ländern zu verdanken gewesen, die eingriffen und ein neues, im Übrigen arg behaartes, Staatsoberhaupt einsetzten und die Aufstände in den Großstädten niederschlagen ließen.
Der 9. November 2018 war somit das Ende der so genannten Glatzenrevolution.

Dass auf den Tag genau ein Jahr zuvor ein leukämiekrankes, 17 Jahre altes Mädchen auf offener Straße und unter Beifall zahlreicher Zeugen von Unbekannten als Nationalistin beschimpft und zu Tode geprügelt wurde, das wusste keiner mehr. Außer vielleicht die Kanzlerin, die ihr Haar, ihre Reputation und ihr Amt verlor, um ein Zeichen für die Menschlichkeit zu setzen. Das wäre ihr um ein Haar auch gelungen.

Retrospektive

Hui, wider Erwarten ein spannender Text für mich. So im Jahre 2026 betrachtet. Erst beim Lesen kam mir der mutmaßliche Ursprung der Geschichte wieder in den Sinn: Denn 2007 habe ICH mich zur Kahlrasur entschlossen – und laufe seither haupthaarlos durch die Geschichte meines Lebens.

Vermutlich war das damals die Verarbeitung der Angst, ungewollt politisch gelesen zu werden – damals, als es noch nicht en vogue war, Nazi-Parteien in den Bundestag zu wählen. (Keine Sorge: Ich wusste damals schon, dass man Skinheads nicht mit Nazis verwechseln sollte.) Heute wie damals gilt: Gewalt ist keine Lösung. Symbolpolitik und rechtes „alternatives“ Gedankengut aber auch nicht.

Realtalk: Tatsächlich hatte ich in den letzten 19 Jahren nie Probleme mit der Glatze. Ich kann mich nur daran erinnern, dass ich wirklich nur einmal (!), und zwar ein halbes Jahr später nach der Entstehung dieser Geschichte, im Rahmen eines Vorstellungsgesprächs gefragt wurde, ob hinter der Frisur (und den Boots) eine politische Gesinnung stehen würde. Tat sie nicht.

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