Wesen der Nacht

Wesen der Nacht

Kontext
Entstanden: 21./22. Oktober 2005
#4 Natürlich darf eine Gruftie-Geschichte nicht fehlen
Meine ersten Geschichten sind alle innerhalb weniger Tage entstanden. Da hatte ich wohl Blut geleckt – passend zum Thema! Hier wollte ich einmal eher in den Fantasy-Bereich reinschnuppern und habe mich daran versucht, eine etwas ernstere zusammenhängende Geschichte zu schreiben.
⚠️ Hinweis: Diese Geschichte enthält explizite Inhalte und ist nur für volljährige Leser:innen geeignet (FSK 18 / NSFW).

Ich liebe die Nacht. Ich fühle mich heimisch in ihr, geborgen von ihr. Es ist so, weil es so sein muss.
Tagsüber schlafe ich. Ist die Sonne nicht mehr zu sehen, komme ich aus meinem Versteck. Es ist zu meinem Besten. Ich weiß nicht, was passierte, wenn ich es andersrum machte, wie jeder Normalsterbliche. Das Experiment habe ich nie ernsthaft gewagt. Ich kann aber sagen, dass mich das Licht blendet und die Sonne auf meiner Haut brennt, setze ich mich ihr auch nur wenigen Minuten aus. Es könnte viel Schlimmeres passieren, würden aus wenigen Minuten viele oder gar Stunden. Keiner von uns hat das jemals ausprobiert. Und wenn doch, war er nie mehr gesehen.
Der Aberglauben, dass jemand wie ich auf Kreuze allergisch reagiere und Knoblauch mich aller Sinne beraube, ist natürlich Humbug. Das mit dem Holzpflock durch das Herz und dass mich Silberkugeln töten können, stimmt hingegen.

Vorhin hat meine persönliche Zeit begonnen, die Sonne ist weg, ich bin da. Ich habe Durst. Und den stille ich am Besten in der neuen Diskothek am Stadtrand, nähe des Waldes, in der sich zumeist schwarzgewandete Menschen einfinden. Die Mehrheit von ihnen ist anders als ich, sie spielen eine Rolle, tragen eine schwarze Verkleidung und hätten in Wirklichkeit Angst vor Leuten wie mir. Leute, die nur Auserwählte über ihr Geheimnis, ihr wahres Wesen, aufzuklären trauen. Selbst wenn uns nur wenig anhaben kann, ist es teilweise besser zu schweigen, denn sich unnötigen Ärger ins Haus zu holen.
Ich betrete das „Le Noir“, das kleine Schwarze, das vor individuellen Gothics nur so strotzt. Gothics, allein dieser Ausdruck! Großteils Kinder, die Gotik nur und ausschließlich mit melancholischer Musik, kreidebleichen Gesichtern und exzentrischer Kleidung assoziieren. Kinder. Überdauerten sie die Zeiten, würden sie den Ursprung dieser Szene und allen voran des Begriffs kennen. Sie kennen nicht das, was ich kenne. Sie haben nicht das gesehen, was ich gesehen habe. Sie haben nie getan, was ich getan habe. Das haben nur wenige.

Im Lokal beobachte ich das Verhalten der jüngeren und älteren Männer und Frauen, die allesamt aussehen, als müssten sie sich Buddha nennen, so erleuchtet fühlen sie sich. Einen Dreck sind sie. Doch in ihrer furchtbaren Naivität liegt meine Chance, auch heute meinen Durst zu stillen, Befriedigung zu erlangen.
Bereits nach kurzer Zeit gelange ich in das Blickfeld eines Mädchens, gerade zarte zwanzig Jahre jung, dessen Augen mich anhimmeln. Wie eine Zielscheibe lässt sie mich nicht mehr aus ihnen entschwinden. Dabei ist es vielmehr umgekehrt, ich nehme sie ins Visier, was ihr entgeht. Wir Wesen der Nacht leben nicht von großen Emotionen oder zumindest zeigen wir nur selten welche. Freude zum Beispiel. Freude können wir uns nicht erlauben, da uns ein einziges Lächeln bereits in Gefahr bringen könnte. Dann wären wir durchschaut.
Dennoch haben wir stellenweise Freude an den einfachen Dingen der Menschen. Ich für meinen Teil trinke gerne Alkohol, nicht irgend einen alten Wein aus Frankreich, sondern ordinäres Bier mag ich gerne.

Während ich an der Theke auf meinen Gerstensaft warte, spüre ich ihre Blicke auf mir. Welch kindliches Gemüt, das sich von dem zu einem Zopf gebundenen langen schwarzen Haaren und dem schlichten, schwarzen Anzug mit schwarzem Hemd und schwarzen Stiefeln beeindrucken lässt. Erbärmlich diese Menschen. Der Rest ergibt sich, als ich erstmals zur Tat schreite. Ich drehe mich um und zeige ihr mein Gesicht, mein weißes, fahles, markantes Gesicht mit meinen durchdringenden, grünen Augen, die Hoffnung verheißen und gewissermaßen bedeuten. Ihre Faszination spiegelt sich in ihren Augen wider, jetzt ist sie ein gefundenes Fressen für mich, und ich musste fast nichts dafür tun.
Sie wirkt schüchtern und nervös. Das hält sie aber nicht davon ab, sich mir zu nähern und mich anzusprechen.

„Carpe Noctem!“ sagt sie zu mir. Man möge meinen, manche Klischees seien zu albern, um wahr zu sein. Dies ist der Gegenbeweis.
„Ich versuche es“, erwidere ich kühl, so wie ich zuvor keine Miene verzogen habe und auch später keine Miene verziehen werde.
„Bist Du das erste Mal hier?“ Ich nicke sanft. „Seit der Eröffnung war ich jedes Wochenende hier,“ führt sie fort, „schickes Ambiente, was meinst Du?“
„Interessant auf jeden Fall“, sage ich.
„Ja, finde ich auch. Und nette Leute findet man hier.“ Sie sagt nett, aber auch hier würde es interessant treffen. „Ich bin zwanzig“, das hätte sie nicht zu sagen brauchen, man merkt ihr das Alter an. Mitten in der Selbstfindungsphase, zu jung, um Charisma zu haben, zu alt, um noch als Kind durchzugehen. Ihre nächste Frage ist selbstredend: „Und wie alt bist du?“
„Um Einiges älter als Du jedenfalls“, antworte ich.
„Das trifft sich gut, denn ich mag ältere Männer.“
„Und ich mag blutjunge Frauen“, entgegne ich. „Wollen wir uns ein wenig unterhalten?“
„Nur, wenn es nicht unbedingt beim Unterhalten bleibt“, sagt das Mädchen und zwinkert mir zu.

Ich deute zu einem Tisch mit zwei Stühlen, der etwas abseits von dem Getummel (Anm.: gesehen, aber für süß befunden) steht. Wir trinken und reden über Gott und die Welt. Vielmehr redet sie die ganze Zeit und ich lausche nur. Sie erzählt davon, dass sie ihr Leben hasst und manchmal vom Tode träumt. Sie erzählt von Rachegelüsten an den Menschen, die ihr Unrecht getan haben. Sie erzählt, wie sie sich das erste Mal selbst verletzt hat und wie sehr ihr das gefallen hat. Sie erzählt von ihrem ersten Sado-Maso-Sex, den sie mit einem ihrer Ex-Freunde hatte, davon, dass sie gerne gefesselt wird. Gegen Schläge habe sie ebenfalls nichts einzuwenden, am meisten jedoch stehe sie darauf, gebissen zu werden. Meine Augen verraten mich, weil sie es sollen, weil ich es so will. Während ihres Gesprächs hat sie in meinen grünen Augen immer nur das gelesen, was sie lesen wollte. Jetzt will sie erfahren haben, dass sie mit dem Beißen einen besonderen Nerv bei mir getroffen hat. Das hat sie wirklich. Meine Natur kann und will ich nicht gänzlich leugnen.
„Bist Du etwa ein Vampir?“ fragt sie lächelnd. Ich erwidere nichts. „Nicht wirklich, oder?“ Etwas verunsichert erscheint sie nun doch wieder.

„Vielleicht bin ich in Deinen Gedanken einer. Spielt das eine so große Rolle?“ Die Wahrheit könnte das Mädchen wie die allermeisten anderen Menschen nicht vertragen, daher appelliere ich an ihre Neugier: „Warum findest Du es nicht heraus?“
„Wenn Du einer bist, musst Du ganz schön alt sein, Vampire sind ja unsterblich.“
„Ich bin nicht unsterblich. Jedes Geschöpf hat seine Schwachstellen. Aber mein Alter ist unwichtig. Es zählt nur der Weg, der hinter mir liegt. Jedoch, falls es Dich interessiert,“ ich halte kurz inne und beobachte jede Reaktion ihres gespannten Gesichts, „ich sterbe erst, wenn ich es will.“
„Entweder Du hast ’ne gehörige Macke oder Recht“, sagt sie mit einem frechen Lächeln. „Jedenfalls bist Du sehr interessant.“

„Falls ich Recht haben sollte, könnte ich Dir zeigen, wie meine Welt aussieht.“ Meine Pause gibt ihr zu verstehen, dass es da einen Haken gibt. „Das Hinübergleiten ist schmerzhaft. Und wenn Du jetzt Skrupel hast, einem Menschen wehzutun, wird Dir das Überleben sehr schwer fallen.“ Das Mädchen schaut mich mit großen Augen an.
„Ist das Dein Ernst? Ich würde wohl bei meinen Ex-Freunden anfangen, um mich zu ernähren. Ich habe mein Herzblut in sie investiert, es wird Zeit, es mir zurückzuholen.“ Ich erinnere mich daran, dass es früher einfacher war, die Menschen vom Unglaublichen, vom Übernatürlichen zu überzeugen. Aber das Mädchen glaubt dem, was sie hört. Die Restzweifel werden vom Alkohol ertränkt. Das langt.
„Ja. Die liegt Entscheidung bei Dir. Hast Du noch etwas zu erledigen? Wenn ja, folge mir nicht. In wenigen Stunden dämmert es bereits, bis dahin sollten wir mit allem fertig sein.“ Ich gehe gen Ausgang, verlasse das „Le Noir“ und begebe mich alleine Richtung Wald. Plötzlich höre ich Schritte. Es ist das Mädchen. Natürlich.

Im Wald angekommen, zieht sie zunächst mich aus, dann sich selbst, ohne dabei blumige Worte zu verschwenden.
Sie lehnt sich gegen einen Baum und deutet mir, es von hinten zu tun. Für was sie mich in diesem Augenblick hält, ist nicht entscheidend. So oder so wartet sie bestimmt darauf, ihre Neigung befriedigt zu wissen.
Während des Akts bereite ich mich vor. Es ist nie ganz einfach in Bewegung die richtige Stelle zu treffen.
Ich fahre mit der Zunge über meine Zähne, nähere sie allmählich ihrem blanken Hals und beiße zu, so dass sie laut, aber lustvoll aufschreit. Wenig später weicht die Lust dem blanken Schmerz, und Blut tritt aus der Wunde an der Halsschlagader. Ich trinke es, damit mein Durst endlich gestillt wird. Sie zittert am ganzen Körper und versucht sich loszureißen, aber ich hauche ihr ins Ohr, dass es gleich vorbei sei. Ihr menschliches Dasein werde beendet, und sie werde als neue Lebensform auferstehen.
„Wie lange dauert es, bis ich wie Du werde?“ fragt sie unter Schmerzen. Sie kann sich kaum noch auf den Beinen halten und ist, wie ich, blutverschmiert.
Ich setze ab und lasse sie los. Sie fällt zu Boden und dreht sich zu mir um.

Sie schreit: „Wann werde ich wie Du?“
„Nie“, antworte ich kühl. „Ich habe es mir anders überlegt.“
„Dann hol schnell einen Krankenwagen!“ ruft sie verzweifelt.
„Nein“, sage ich, „der käme zu spät. Du hast bereits jetzt soviel Blut verloren, dass Du gleich das Bewusstsein verlieren wirst.“
Sie schreit, aber hier im Wald hört sie niemand. Verzweifelt blickt sie zu mir auf.
„Ich hatte Durst“, beantworte ich ihre nicht ausgesprochene Frage, „und Du bist noch zu jung.“
Sie wird bewusstlos. Ich wische mir das Blut aus dem Gesicht und ziehe meine schwarze Kleidung wieder an. Hoffentlich bin ich wieder zu Hause, ehe die Sonne scheint.
Auf dem Weg dorthin fragt niemand von den wenigen Passanten nach einem Mädchen. Oder ob etwas Schlimmes passiert sei. Niemand weiß es. Bis sie gefunden wird, ist sie längst tot. Und ich bin satt. Die letzten Meter laufe ich schneller, es dauert nicht mehr lange bis zum Sonnenaufgang. In letzter Sekunde erreiche ich mein kleines Zimmer und lege mich in mein Bett.

Retrospektive

Ein – gescheiterter – Versuch, einen Shyamalan-Twist ans Ende zu packen. Ich weiß noch sehr gut, dass die Lesenden die beabsichtigte Wendung nicht verstanden haben. Dabei war das die Intention dahinter: Der Vampir ist nämlich gar keiner, sondern nur ein sadistischer Spinner, der an Überheblichkeit kaum zu überbieten ist. Ich hatte gedacht, dass das durch seine vagen Aussagen bezüglich seines Wesens und durch das letzte Wort – Bett statt Sarg – klar wird. Offenbar nicht. Wenn man Pointen erklären muss, sind sie witzlos. Als „echte“ Vampir-Geschichte funktioniert das wahrscheinlich besser. Die Abrechnung mit der Gothic-Szene finde ich aus heutiger Perspektive dagegen arg komisch. Wie war das? Wenn man mit dem Finger auf andere zeigt, zeigen drei auf einen selbst zurück? Welch Ironie.

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