… und jetzt zur Stauschau

Kontext
Entstanden: 21. Dezember 2005 bis 17. Mai 2007
#9 Writing as therapy
Meine Liebe für „Und täglich grüßt das Murmeltier“ findet hier wohl ihren Höhepunkt. Das ist, wenn ich mich nicht irre, die mit Abstand längste Geschichte, die ich geschrieben habe. Ich wollte eine „Bad Boy“-Variante der Zeitschleifen-Thematik machen. Und ich glaube, das ist mir ganz gut gelungen… Zeitgleich wollte ich mit verschiedenen Ebenen experimentieren und tatsächlich auch mehr in Richtung „Charakterentwicklung“ gehen. Coming-of-age eines jungen Erwachsenen.
Triggerwarnung: Sex, Gewalt, Mord, Suizid
⚠️ Hinweis: Diese Geschichte enthält explizite Inhalte und ist nur für volljährige Leser:innen geeignet (FSK 18 / NSFW).

I.

„…und jetzt zur Stauschau: Zwei Kilometer auf der A42 zwischen Bochum und Dortmund nach einem Unfall. Drei Kilometer…“
Ich schalte den Radiowecker aus. Pünktlich um sieben Uhr fünfunddreißig verrichtet er alltäglich seinen Dienst. Der Wecker. Die ersten Worte, die ich an diesem und jedem anderen Arbeitstagmorgen höre, handeln von einer Menge frustrierter, genervter Autofahrer. Oder von irgendwelchen Unfallautos respektive Unfallopfern.
Ich bin erst um neun Uhr an der Reihe. Mit der Arbeit. Um ebenso pünktlich anzutreten wie mein Wecker, muss ich mich jetzt fertig machen. Ich stehe auf, schmeiße den Kaffee an, gehe ins Bad, dusche, putze mir drei Minuten die Zähne. Mundspülung nicht vergessen.
Die Spuren der halb durchzechten Nacht müssen verwischt werden, die äußeren Anzeichen meines Deliriums. Und allen voran die Gründe dafür. Meine emotionale Instabilität. In meinem Job zählt nur das gepflegte Äußere. Und geheuchelte Freundlichkeit, die nicht geheuchelt wirken darf. Selbst an Tagen, an denen ich sogar meine Mutter hasse, muss ich selbstverständlich scheißefreundlich sein, um nicht gefeuert zu werden und wieder bei meiner Mutter einziehen zu müssen. Die Miete ist nicht niedrig. Dafür ist das Geld knapp. Ebenso die Zeit. Ich werfe mich in einen meiner drei identischen schwarzen Anzüge, binde mir die Krawatte und eile zum Wagen. Ein weißer Ford Focus mit gelaufenen 215000 Kilometern und Dutzenden Charakterbeulen. Ein Traum für alle Werkstätten.

Auf dem Weg zur Arbeit komme ich in den Stau auf der A43, den ich wahrscheinlich heute Morgen weggedrückt habe. Es bewegt sich gar nichts. Nur die Luft kommt in Fahrt, frisch herausgeblasen und mit unwahrscheinlich viel Sauerstoff untersetzt aus den Industrieschornsteinen des Ruhrgebiets. Die Ozonwerte sind mal wieder nach oben geschnellt, ebenso mein Amokpotential, das langsam, aber sicher in einen Bereich vordringt, in dem sich mein gesamtes Umfeld auf dem Gemeindefriedhof einfinden wird. Unterirdisch, versteht sich.
Als es schleppend weitergeht, ist es bereits kurz vor Neun. Fünfzehn Kilometer in fünf Minuten. Entweder ein Wunder geschieht oder ich finde mich, nicht zum ersten und hoffentlich nicht zum letzten Mal, im Büro meiner Chefin wieder.

Da Wunder heute aus sind, sitze ich also um neun Uhr fünfzehn bei Frau Lisbe im übertragenden Sinne auf dem Schoß. Der erste Versuch einer Erklärung scheitert kläglich.
„Herr Scholz, Sie brauchen mir doch nicht immer mit diesen Ausreden zu kommen. Sie müssten doch mittlerweile wissen, dass Sie auf der A43 jeden Morgen ein Stau erwartet. Sie können ehrlich zu mir sein, ich schlafe doch auch gerne lange. Aber ich komme nie zu spät. Bitte seien auch Sie ab jetzt pünktlich. Oder ich kann Ihnen nicht mehr den Hintern retten, mein Kleiner. Das wäre doch für uns beide schade, oder?“
Ich weiß nicht, was ich an dieser Frau mehr hasse. Ihre verhätschelnde, doch in Wahrheit hinterfotzige Art, Ihr Pseudo-Flirt, den sie bei Krisengesprächen immer an den Tag legt, oder ihr schlichtweg dämlicher Nachname, der gerne zu einem Fettnäpfchen einlädt: Frau Lispeln gedacht und Frau Lesbe gesagt. Oder umgekehrt.
Zu allem Unglück heißt sie Ursula. Spitzname natürlich Uschi. Die grausamsten Geschöpfe auf Gottes Erde sind und bleiben Eltern.
Ich sage: „Natürlich Frau… Lisbe. Sie sind der Boss.“ Ich stehe auf.
„Einen Moment noch, Herr Scholz.“ Dieser Frau macht es Spaß, ihre Machtposition so weit wie möglich auszureizen, andererseits ist sie ja wirklich meine Vorgesetzte. Ich würde es nicht anders machen. Aber mit Autorität habe ich seit jeher ein Problem. „Sie haben heute einen kurzfristigen Kundentermin bei der Firma Kleptotec. Denken Sie daran, immer schön nett und freundlich zu sein. Wenn Sie mir diesen Gefallen tun, können wir nachher gerne einen Kaffee trinken gehen. Wenn nicht, können Sie sich nachher die Kündigung abholen. Verstanden, mein Kleiner?“
Ich sage: „Natürlich Frau Lisbe. Sie sind der Boss.“
Ich gehe aus dem Büro und bin froh, die Tür geschlossen zu haben, ehe meine mindestens fünfzig Jahre alte Chefin noch ein Wort sagen konnte. Vermutlich hat sie seit Ewigkeiten keinen erstklassigen Mann mehr gehabt, das könnte ihre Frustration und die zweitklassigen Anmachversuche erklären. Wahrscheinlicher ist allerdings, dass sie als drittklassige Sekretärin hier angefangen hat und sich bis zur Abteilungsleiterin hochgebumst hat.

Ich mache mich wieder auf den Weg, wieder ins Auto, wieder auf die Autobahn, wieder zu einem Kunden mit wenig Hirn und viel Kohle. So läuft das. Wer was auf den Konten hat, kann andere laufen lassen. Ich habe nichts. Nicht einmal einen Hamster, den ich durch das Laufrad laufen lassen könnte, um einmal das Gefühl meiner Chefin und irgendwelcher Arschlochkunden nachempfinden zu können, wie es ist, andere die meiste Arbeit erledigen zu lassen. Ich bin der Hamster, der läuft und läuft und keinen Schritt weiter kommt.
Bei Kleptotec werde ich zugleich von Herrn Müller erwartet, angeschrien, weil ich fünf Minuten zu spät kam, angemault, weil die Arbeit länger als zwei Minuten gedauert hat, angeschissen, weil ich die Kaffeetasse umgeschüttet habe, angefleht, mich endlich zu verpissen. Noch ehe ich das Haus nach getaner Arbeit und ohne Verabschiedung verlassen habe, hält Herr Müller bereits das Telefon in der Hand. Das Telefon, das mich wahrscheinlich den Job kosten wird. Nur noch ein Wunder… lassen wir das.

Ich fahre erst einmal zu McDonalds, schließlich habe ich offiziell Mittagspause. Meine Henkersmahlzeit besteht aus einem McChicken, zwei Cheeseburgern, kleiner Pommes und kleinem Wasser mit Fanta-Konzentrat. In dem Fast-Food-Restaurant stelle ich mir die Frage, ob sich jeder schmutzige Laden mit unfähigem Personal auf Hungerlohnbasis und halbgarem Essen Restaurant nennen darf. Wenn ja, könnte ich meine Küche als Fünf-Sterne-Restaurant verkaufen. Eine neue Existenz aufbauen. Glücklich werden. Mit 30 Jahren in der Warteschleife des Lebens hängend kommt mir unweigerlich die Frage in den Sinn, die sich die Angestellten des Etablissements hier wahrscheinlich ebenfalls des Öfteren stellen:
Suizid oder neue Arbeit suchen?
Da ich schon immer einen Faible für Fremdwörter hatte, entscheide ich mich für den wohlklingenden Suizid. Kollektiver Suizid hat einen noch schöneren Klang, doch davon verabschiede ich mich schnell, denn ich kriege ja nicht einmal die Silberfischchen in meiner Bude tot, wie soll ich dann erst zwei oder mehr Menschen zum Selbstmord überreden? Ich könnte sie auch ganz einfach selbst alle machen. Meine schwarze Liste ist identisch mit den Menschen, die mir tagtäglich ihre Dummheit oder Penetranz oder bürokratischen Fettärsche auf die Nase binden müssen.

Nach dem letzten Bissen an dem frittierten Hähnchenfilet habe ich es nicht eilig. Die Lisbe wird mir den arbeitstechnischen Garaus machen, ich werde nur noch nicken und nicken. Zu Hause werde ich dann ein paar Schlaftabletten nehmen und mit dem Toaster baden gehen. Wenn schon nicht kollektiv, dann wenigstens klassisch.
Bei Frau Lisbe angekommen, habe ich viel zu nicken. Sie möge mich ja. Nicken. Aber es sei zuviel vorgefallen. Nicken. Sie habe mich ja gewarnt. Nicken. Doch wenn erneut eine Kritik an meinem Verhalten vom Kunden komme. Nicken. Dann sei eine weitere Zusammenarbeit einfach nicht mehr tragbar. Nicken. Sie habe sich so gewünscht, wenigstens einmal mit mir intim zu werden. Die Frau schreckt vor nichts zurück. Nicken. Jetzt ist auch egal.
Ich sage: „Danke, Boss. Danke für alles.“
Mehr habe ich nicht zu sagen. Ich will gehen, aber sie muss wie immer das letzte Wort haben.
„Einen Moment noch, Herr Scholz“, gleich wird sie bestimmt über mich herfallen, „wie geht es denn nun mit Ihnen weiter?“ Oder auch nicht.
Ich finde bestimmt etwas, womit ich mich besser arrangieren kann, andere Firmen haben auch notgeile Chefinnen. Das sage ich aber nicht. Ich zucke mit den Achseln. Dem hat sie nichts mehr entgegenzusetzen.

Ich packe meine sieben Sachen und fahre nach Hause. Hole ein Bier. Nehme einen Schluck. Nehme die Schlaftabletten. Ziehe mich aus. Gehe in die Badewanne. Scheiße, Toaster vergessen. Raus aus der Wanne. Tropfe die Bude voll. Hole den Toaster. Gehe zurück. Stelle ihn ab. Schließe ihn an. Lege mich gemütlich in die Wanne. Nehme einen Schluck. Nehme den Toaster. Lasse ihn ins Wasser fallen.

II.

„…und jetzt zur Stauschau: Zwei Kilometer auf der…“
Scheiße, was für ein Lärm, der mit einem Handgriff auch schon der frühen Vergangenheit angehört. Scheiße, was für ein Traum. Scheiße, mir tut alles weh, als ob ich vom Blitz erschlagen worden wäre. Jeder Knochen schmerzt einzeln.
Ich könnte schwören, ich habe mich gestern umgebracht, mit dem Toaster in der Wanne. Doch da geht meine Erinnerung anscheinend nicht mit der von mir gerade wahrgenommenen Realität konform. Super! Ich lebe! Ich habe eine zweite Chance erhalten! Verdammte Scheiße.

Die Büros sind vor nymphomanen Weibern auf Abteilungsleiterebene nicht gefeit, die einzige Garantie beim Job ist, dass er garantiert irgendwann weg ist, und letzten Endes ist auch der todsichere Selbstmord nicht mehr das, was er einmal war. Scheiße. Kurz nach halb Acht, und ich habe schon öfter Scheiße gesagt, als ich im Laufe meines Lebens gebetet habe. Wenn ich schon nicht für meine Tat von gestern bestraft werde, komme ich wenigstens für mein permanentes Fluchen in die gottverdammte Hölle.
Aber trotzdem stimmt hier etwas ganz gewaltig nicht. Und damit meine ich nicht den Biergeruch, den ich mir eigentlich schon gestern vom Leib gewaschen habe. Ich weiß noch ganz genau, wie mich die Lisbe gestern angemacht und gefeuert hat, wie der Müller am Klugscheißen war, wie ich unter Strom stand.
Meine Wohnung sagt mir, dass das auf jeden Fall nicht der Himmel sein kann, denn den stelle ich mir schöner vor und vor allem etwas sauberer. Oder es müsste jetzt unsagbar heiß sein, je nachdem, wie der Boss aus der Chefetage mein bisheriges Tun beurteilt hat. Entweder ist die Heizung kaputt oder ich lebe wirklich noch.
Der folgende Blick in den Spiegel gibt mir auch keinen näheren Einblick, inwieweit ich noch unter den Lebenden weile. Man sagt, ich versprühe morgens den Charme eines Zombies, aber das war nie anders, seit ich im Albtraum meines Lebens angekommen bin.

Also nur ein intensiver und langer Traum. Ein schöner Traum, den mir mein nihilistischer Geist da erdacht hat. Aber ein Traum. Begünstigt vom gestrigen oder vorgestrigen Delirium, in das ich mich gemeinsam mit Max befördert habe. Max, mein bester Freund, wenn man den Alkoholiker so nennen will, der quasi der Einzige ist, der mir noch nicht den Kontakt aufgekündigt hat. Im Gegensatz zu meiner Ex-Schlampe von Freundin, die sich verpisst hat. Verpisst, weil sie mit meinem negativen Weltbild nicht mehr zurechtkam. Schlampe, weil sie zwei Wochen später einen neuen Sunnyboy-Lackaffen an der Kette hatte. Irgendwann kriegt auch Jasmin noch ihr vor allem am Arsch reichlich vorhandenes Fett weg.

Schluss mit Denken, Arbeit wartet. Ich mache mich fertig, wie jeden Morgen. Ich springe in den Wagen, wie jeden Morgen. Und lande im Stau, wie jeden Morgen. Das große Finale der Hetzjagd auf die Zeit findet dann, wie jeden Morgen, im Büro meiner Chefin statt.
Ich sage: „Entschuldigen Sie, dass ich zu spät gekommen bin, aber auf der Autobahn war…“
Sie lässt mich nicht ausreden. Da habe ich mich im Traum schon gebraten und versuche jetzt abermals den Kopf aus der immer enger werdenden Schlinge zu ziehen, aber sie zeigt erneut keine Gnade.
Sie sagt: „Herr Scholz, Sie brauchen mir doch nicht immer mit diesen Ausreden zu kommen. Sie müssten doch mittlerweile wissen, dass Sie auf der A43 jeden Morgen ein Stau erwartet. Sie…“
Ich unterbreche sie. Mir kommt genau dieses Gespräch arg bekannt vor. Zum einen, weil eigentlich alles wie immer ist, aber viel mehr noch habe ich ein Déjà-vu vom Feinsten, den Scheiß hier habe ich haargenau geträumt.
Ich sehe ihr tief in die Augen.
Ich sage: „Ich kann ehrlich zu Ihnen sein, richtig? Ich weiß ja, dass Sie auch gerne und lange schlafen und viel zu oft allein, und doch schaffen Sie es, Tag ein, Tag aus pünktlich zu sein. Das ist bewundernswert, Frau Lisbe! Ich werde ab jetzt mit Ihnen hier eintrudeln.“
Sie erwidert: „Das will ich stark hoffen, sonst…“
Ich unterbreche sie abermals.
Ich sage: „…sonst müssen Sie mich kündigen, ich verstehe schon. Kommt nicht wieder vor.“
Meine Chefin steht nur noch verdutzt da. Mit meiner Einsicht hat sie weiß Gott nicht gerechnet. Interessant, welchen Vorteil man hat, wenn man weiß, was geschehen wird. Noch häufiger solche Nächte, und ich bin bald König von Deutschland.
Ich mache mich Richtung Tür auf, halte jedoch noch kurz inne.
Ich frage: „Was halten Sie davon, wenn ich Sie nach dem Außeneinsatz bei Kleptotec abhole und wir gemeinsam zu Mittag essen?“
„Woher wissen Sie das? Ich sagte doch noch nichts“, erwidert meine Chefin.
„Nennen Sie es berufliche Intuition.“
Ein stummes, perplexes, ungläubiges Nicken ist die einzige Reaktion.
Ich sage: „Sehr schön! Dann können wir gemeinsam unsere Beziehung flicken.“
Ich kam, sah und machte die Tür hinter mir zu.

Ich bin keiner der Männer, die schüchtern oder auf den Kopf gefallen sind, aber innerbetrieblich halte ich meist still, um mir keinen unnötigen Ärger aufzuhalsen. Ein offensives Auftreten wie heute hätte ich zuvor immer vermieden. Wenn mein Traum nicht gewesen wäre. Diese vermeintliche Eingebung meines Unterbewusstseins hat Berge versetzt, ich kann das gewaltige Déjà-vu zu meinen Gunsten nutzen. Und mache davon schamlos Gebrauch.
Pfeifend bewege ich mich zu meinem Auto, alle Kollegen wundern sich über meine exorbitant gute Laune. Aber wenn ich mich ausnahmsweise richtig gut fühle, kann ich die Außenwelt auch daran teilhaben lassen.

Das nächste Arschloch wartet schon. Herr Müller von Kleptotec. Der es sicherlich kaum erwarten kann, seinen Frust endlich in mein Gesicht brüllen zu können.
Ich komme ihm aber zuvor.
Ich sage: „Hallo, Herr Müller! Ich weiß, ich bin zu spät, aber dafür bleibe ich natürlich auch länger und erledige die Arbeit mit vollster Konzentration. Ich gehe erst wieder, wenn Sie total zufrieden sind. Anderweitig können Sie auch gerne bei mir in der Firma anrufen.“
Damit ist auch der Müller ruhig gestellt. Er nickt nur und führt mich in den Raum. Ich kann gewissenhaft arbeiten, ohne dass mir der Mitvierziger auf den Sack geht. Erwarte das Unerwartete. Handle unberechenbar. Und Du hast Deine Ruhe.

Nachdem ich das Update unserer Software aufgespielt habe, trinkt der Müller sogar noch einen Kaffee mit seinem Spezi. Mit mir. Nachdem wir über die Arbeit geredet haben, erzählt er schon bald von seiner Frau Margit, die ihn betrügt – mit einer anderen Frau. Und dass diese andere Frau seine Sekretärin ist. Frau Schmidt.
Ich bringe ihm natürlich mein vollstes Verständnis entgegen. Und mache ihm Mut, dass er seine Margit zurückerobern kann, wenn er nur… ist unerheblich, da mir scheißegal. Jedenfalls wirken meine Worte Wunder und zu guter Letzt umarmt er mich sogar, weil er sich endlich einmal diese Last von der Seele reden konnte. In seinem Inzestbetrieb sei ein Außenstehender wie ich ja so gerne gesehen. Fick Dich! Gestern hast Du mir in den Arsch getreten und heute küsst Du ihn mir, Wichser!
Ich sage: „Hat mich gefreut, Herr Müller. Auf Wiedersehen.“

Das lief ja wie geschmiert. Auf den Kuschelfaktor hätte ich zwar gerne verzichtet, aber wenn man aus einem Feind einen Freund machen kann, so sollte man diese Chance wahrnehmen. Denn erst dann kann man es ihm irgendwann richtig heimzahlen. Mit Nettigkeit, mit Einfühlungsvermögen und Verständnis kommt man voran. Und wenn ich so weiter mache, werde ich noch Mitarbeiter des Monats.

Ich fahre zurück. Zurück zu meiner Vorgesetzten, die seit jeher ein Auge auf mich geworfen hat. Zurück zu meiner Arbeit, die mich jeden Tag dazu zwingt, Hemd und Krawatte zu tragen. Zurück in den Alltag, der heute keiner ist. Ich denke zurück an die letzte Nacht. Ich frage mich, ob ich vielleicht ein Medium bin, das der Menschheit das Wissen der Toten über die Zukunft vermitteln soll. Oder ob ich eine Gabe Gottes erhalten habe, damit ich die Welt besser mache.
Unwahrscheinlich. Jemand wie ich ist nicht zum Missionieren geeignet. Jemand wie ich müsste Gottes gigantische Toilette putzen.

Frau Lisbe hat für die einstündige Mittagspause ein kleines italienisches Restaurant auserkoren. Himmel, man kann’s auch wirklich übertreiben, aber ich habe wohl einen Nerv bei ihr getroffen. Ihr einen Wunsch erfüllt. Ihre Gebete erhört. Ich bin jetzt ein besserer Mensch. Ob ich das wahrhaftig bin, mag ich zu bezweifeln, aber das richtige Wort zur richtigen Zeit hat bei ihr alle Alarmglocken vertönen lassen. Sie kann nun die Engel singen hören. Die Frau ist so bescheuert. Kein Mensch kann sich an einem Tag ändern.

Auf dem Weg dorthin sagt sie, dass sie einen Anruf von Herrn Müller erhalten habe. Blödes Arschloch, denke ich mir. Mir den Arsch mit seinen Problemen voll blasen und dann immer noch was zu mähren haben. Aber so ist es nicht.
Sie sagt: „Er war restlos begeistert und überrascht, dass Sie selbstkritisch die Arbeit erledigt haben und danach sogar noch ein offenes Ohr für ihn hatten.“ Das einstige Sorgenkind entwickelt sich zum Mister Nice Guy.

Zwischen Pasta und Pizza erfahre ich, wie sie nach der Schule nichts mit sich anzufangen wusste und irgendwann als Aushilfe in der Firma angefangen hat. Durch Dinge, auf die sie garantiert nicht stolz sei, wie sie versichert, habe sie sich bis zu ihrer jetzigen Position „hochgearbeitet“, wobei sie „hochgearbeitet“ selbst mit Gänsefüßchen verziert. Außerdem stehe sie auf jüngere Männer um die 30 und wurde Ewigkeiten nicht durchgenudelt. Ebenfalls ihr Wortlaut. Wie witzig das gerade beim Italiener zu bringen… Und sie fragt mich, ob ich heute Abend Zeit habe, denn sie wolle noch etwas Geschäftliches mit mir besprechen.
Das glaube ich ihr gerne. Was sie unter geschäftlich versteht, hat sie gerade offenkundig zugegeben. Aber ich stimme natürlich zu.

Seit drei Jahren arbeite ich in diesem scheiß Laden, und wenn ich alle Verfehlungen dieser Zeit mit einem Schlag aus der Welt schaffen kann, dann tue ich das auch. Die Intention meiner Zustimmung ist keineswegs die Aussicht auf eine unglaubliche Nacht, vielmehr hat mich das „Hocharbeiten“ inspiriert. Einmal durchnudeln, und ich habe erstmal Ruhe vor ihr.

Nach dem Essen, nach der Heimfahrt ins Büro, verabschiedet sich Frau Uschi Lisbe und verweist auf nachher. 21 Uhr. An meinem Schreibtisch lasse ich den zukunftsweisenden Traum abermals Revue passieren, muss jedoch schnell feststellen, dass er mir nichts mehr nützt. Denn dort war ich zu diesem Zeitpunkt bereits tot. So oder so habe ich jetzt die Karten in der Hand.
Die restlichen Stunden verbringe ich mit dem Dichten bescheidener Limericks, die Finger immer in der Nähe von Alt und Tab, damit ich schnell offiziell zu meiner eigentlichen Arbeit übergehen kann.

Arbeit, Maloche sind mir echt ein Graus,
es macht keinen Spaß, ich muss hier raus.
Doch, was soll ich nur tun?
Ich will ja nicht nur ruh’n.
Könnt’ die Lisbe pimpern gleich zu Haus.

Und darauf läuft es hinaus. Um 21 Uhr will sie bei mir sein.
Um Punkt achtzehn Uhr lasse ich den nichtvorhandenen Bleistift fallen und mache mich auf den Weg zum nächsten scheiß Laden. Meiner Wohnung. Um die Zeit bis zum Auftritt meiner Chefin zu überbrücken, verschaffe ich mir bei meiner Nachbarin Erleichterung. Da sie nymphoman veranlagt ist und ihr Freund für ein Jahr in Australien Doktor spielt, behandelt sie mich halt gerne. Und sonst wen. Je weniger Druck ich gleich habe, desto mehr Standvermögen, desto bessere Aussichten auf einen lauen Job in den nächsten Wochen, desto besseres Leben. Sex kann Dein Leben verändern. Ficken für die Zukunft.

Nach der zweiten Dusche des Tages schellt es an der Tür. Nur mit einem Handtuch bekleidet öffne ich sie. Was ich sehe, ist nicht wirklich unerwartet. Aber dadurch nicht gleich schön. Entweder Frau Ursula Lisbe hat noch einen Nachtjob als Hure, dem sie nach der Geschäftsbesprechung mit mir nachgehen will, oder aber sie denkt tatsächlich, sie wäre 20 Jahre alt und sexy. Die Frau, die mir gemeinhin im Hosenanzug Avancen macht, ist aber 50. Hätte ich es nicht schon längst getan, würde ich jetzt jeglichen Respekt vor ihr verlieren.
Ihre naturwasserstoffblonde Naturdauerwelle trägt sie offen. Ihr natürlich von Natur aus fast faltenfreies Gesicht gerät beim schwarzen Lippenstift, der ganz dezent wohl zehnfach aufgetragen wurde, in den Hintergrund. Weiter unten kommt dann eine schwarze Lederkorsage, die ihre Hängetitten schön nach oben zwängt. Noch weiter unten folgt ein schwarzer Minirock. Die Beine sind mit, wie es scheint, halterlosen Strümpfen ausgestattet, die ihre Krampfadern kaschieren sollen und in hochhackigen Pumps enden. Was sie unter dem Mini trägt, weiß ich nicht. Noch nicht.
Ich sage: „Hallo, Frau Lisbe. Schön, dass Sie da sind.“

Vor 20 oder 30 Jahren muss die Frau schon etwas hergegeben haben. Damals hätte ich sie wohl nicht von der Bettkante gestoßen. Aber hier und jetzt… Meine Prinzipien müssten mich eigentlich auspeitschen, nur daran zu denken, mit ihr ins Bett zu gehen. Doch in dem Outfit wird sie das Auspeitschen höchstwahrscheinlich selbst übernehmen. Und meine Prinzipien… für’n Arsch. Wenn man sich umbringen will, hat man keine Prinzipien mehr. Und nur weil ich heute einen schönen Tag habe, ändert das nichts daran, dass ich morgen das Versäumte vielleicht wieder nachholen werde.
Ich sage der alten Frau im Nuttenfummel: „Ich hoffe, es stört Sie nicht, dass ich noch nicht fertig bin. Aber ich hatte vorhin noch einen wichtigen Termin.“
Ich musste nämlich noch die Nachbarin vögeln, damit Sie mich wegen einer vorzeitigen Ejakulation nicht gleich morgen feuern werden. Das sage ich aber nicht.
Ich sage: „Kommen Sie rein.“
Ich frage: „Kann ich Ihnen etwas zu trinken anbieten?“
Beim Gang in die Küche, spüre ich ihren Blick auf mir. Auf meinem Handtuch. Auf meinem Arsch. Gott hat mir etwas Gutes getan, als er mir einen recht ansehnlichen Körper schenkte, der auch ohne Hochleistungssport in Form bleibt.
Sie will nichts. Zumindest nichts zu trinken.
Ich frage: „Worüber wollten Sie mit mir reden?“
Sie antwortet: „Über Ihr Betragen.“
Ich lächle verschmitzt. Die Situation ist klar wie ein glasklares Glas Wasser.
Ich sage: „Sie wollen mir doch nicht etwa den Popo verhauen?“
„Doch, das will ich“, antwortet sie und reißt mir das Handtuch von den Lenden.

Bevor ich etwas sagen kann, hat sie mein bestes Stück bereits in den Händen. Und nicht nur dort. Wenig später weiß ich, was sie unter dem Mini trägt. Nichts. Fast nichts. Nur einen riesigen Busch, den man eigentlich unter Naturschutz stellen müsste. Selbst wenn ich meine Prinzipien das Klo runtergespült habe, werde ich meinen Kopf nicht senken. Nie. Nie. Lieber arbeitslos und tot als Haare auf den Zähnen. Doch so weit kommt es glücklicherweise nicht.
Ich erfahre, dass sie beim Geschlechtsakt Geräusche wie ein durchgeficktes Eichhörnchen macht. Ich erfahre, dass ihr Mann oder sonst wer Manfred heißen muss, denn so nennt sie mich. Ich erfahre, dass sie nach dem Sex in den Arm genommen werden will und dann sofort einschläft.

Drei Kondome später liegt sie schnarchend auf meiner Brust. Um meine Kündigung nicht zu provozieren, lasse ich sie schlafen. Die alte Frau in meinem Bett. Ekel macht sich in mir breit. Ehe ich diesem nachgehen kann, konzentriere ich mich auf etwas anderes. Auf den Traum, der mich immer noch beschäftigt. Der mir noch immer in den Knochen steckt. Der mir einen anderen Weg aufgezeigt hat.
Wer hier wen missbraucht hat, ist scheißegal. Ich habe mich so entschieden. Und vielleicht zeigt mir ein weiterer Traum noch mehr Möglichkeiten auf. Der Ekel ist vergessen, ich zwinge mich zu schlafen. Ich will träumen. Von der Zukunft. Von meiner Zukunft.

III.

„…und jetzt zur Stauschau: Zwei…“ BUMM
Der Wecker ist am Boden zerstört, hoffentlich ist meine Chefin nicht wach geworden. Hoffentlich hat sie mir nicht den Penis abgeschnitten, aber sie sah gestern eigentlich zufrieden und befriedigt aus. Nachher hole ich mir einen neuen Wecker, meine letzte Nachtschicht sollte mir eine Deluxe-Version ermöglichen.
Geträumt habe ich nicht. Zumindest kann ich mich nicht erinnern. Keine Visionen, keine hilfreichen Tipps aus einer anderen Welt. Nichts von morgen, nichts von gestern.

Heute ist ein neuer Tag, der mich auf der Karriereleiter weiter nach oben bringen wird. Ich verkaufe mich. Ich prostituiere mich. Drauf geschissen.
Ich greife nach rechts. Ich greife in das leere Laken. Ich spüre nichts von der Lisbe, und auch sehen kann ich sie nicht, nachdem ich mich mit den Augen vergewissern will, dass meine Hände ob der ganzen Arbeit am Vorabend vielleicht nur noch nicht soviel Gefühl wieder erlangt haben. Eine Frau zu befriedigen, ist harte Arbeit.
Aber diese Frau ist nicht mehr da. Entweder, sie wollte sich zu Hause frisch machen und von dort zur Arbeit fahren oder sie schämt sich und plant den Selbstmord. In diesem Fall hätte ich ihr von Badewanne und Toaster abgeraten. Aber auf mich hört ja sowieso niemand.
Dann mache ich mich also fertig, frage sie dann später im Büro, warum sie abgehauen ist. Und wenn sie mich feuern will, kann ich die Schlampe erpressen. Alles richtig gemacht.

Die Dusche spare ich mir. Den Stau erspare ich mir auch und fahre über die Dörfer. So komme ich halt noch später als sonst. Aber auf warten und nichts tun habe ich keine Lust.
In der Penetrationszentrale angekommen gehe ich sofort in das Büro meiner gestrigen Liebhaberin, der zweiten wohlgemerkt, schließe die Tür, lasse die Jalousien herunter und ergreife das Wort, ehe sie überhaupt registriert hat, dass ich da bin.

Ich sage: „Guten Morgen, Süße. Warum bist Du denn heute morgen verschwunden?“
Ihr fällt das falsche Lächeln, das sie immer trägt, aus dem Gesicht. Ungläubig blickt sie mich an.
Sie sagt: „Auch wenn Sie einen süßen Hintern haben, haben Sie noch lange nicht das Recht, so mit mir zu reden, Herr Scholz! Keine Ahnung, wovon Sie da reden, aber wahrscheinlich wollten Sie nur mit der Haus ins Tür fallen, damit ich Ihnen verzeihe, dass sie wiederholt zu spät gekommen sind. Aber daraus wird nichts. Noch eine Verspätung, und Sie können das Arbeitsamt mit Ihrem Charme beglücken.“
Ganz schön unentspannt die Dame. Ich war wohl nicht so der Bringer. Dann folgt nun halt Plan B.
Ich sage: „Uschi, Du warst gestern bei mir. Du hast ausgesehen wie eine Nutte. Wir haben gevögelt. Dreimal. Du hast mich Manfred genannt. Ich heiße aber nicht Manfred. Ich bin Ben. Erst ficken, dann rumzicken. Ganz toll. Aber wenn Du Dich echt nicht daran erinnerst, kann ich ja mal bei Deinem Chef nachfragen, was er davon hält. Wenn er Dich ja auch bumst.“

Ihre Entgeisterung ist einer schier einzigartigen Wut gewichen. Sie würde am Liebsten schreien, versucht jedoch krampfhaft, ruhig zu bleiben. Das klappt nur bedingt.
Frau Uschi sagt: „Jetzt hören Sie mir mal zu, Sie kleiner Scheißer. Wir haben noch nie miteinander geschlafen und werden es auch nie tun. Ihre Kündigung ist sicher, aber wenn Sie noch einmal Ihren Mund aufmachen, haben Sie noch eine Anzeige wegen Verleumdung und Beleidigung am Arsch. Also packen Sie Ihre Sachen und lassen Sie sich hier nie wieder blicken. Verstanden?“

Verstanden. Das wirst Du mir büßen. Offensichtlich hat sie sich beim Bettsport gestern die Birne geknallt, aber sie ist überzeugt von dem, was sie sagt. Vielleicht habe ich mich auch gestoßen. Vielleicht ist das aber auch der gleiche Tag wie gestern und vorgestern. Vielleicht drehe ich ganz einfach am Rad.
Sie ruft schnell noch nach ihrer Sekretärin Frau Huber und teilt ihr mit, dass nun wohl jemand anderes zu Herrn Müller und der Firma Kleptotec fahren müsse.
Ich verlasse das Büro mit meinem wenigen Kram und fahre nach Hause. Wie auch immer dieses finstere Märchen ausgehen mag, ich kann mir den Chefposten auf Wolke Sieben wohl abschminken. Ich habe mich umgebracht, ich bin arbeitslos, ich habe meine Chefin beleidigt und gebumst, meine liierte Nachbarin ebenfalls, und alles in allem ist mein letztes Stück Würde gerade den Bach runter gegangen.

Um mich aufzubauen, rufe ich erstmal Max an. Seine tägliche Dosis hat er schon intus. Geschätzte vier Bier um zehn Uhr. Gute Quote. Vielleicht kann er mich passiv oder aktiv aufbauen. Ich frage ihn, ob wir einen trinken gehen können.
Er sagt: „Schon wieder? Wir waren doch erst gestern Abend.“
Okay, er kann mich nicht aufbauen. Ein Alkoholiker, der öfter an ein kühles Blondes als an eine kühle Blondine denkt, ist mir scheinbar auch überlegen. Vielleicht reicht es ja noch für einen Aushilfsjob im Himmel, Petrus’ Türsteher an der Himmelspforte oder sein Füllfederhalterhalter oder so.
Ich sage: „Vielleicht waren wir gestern wirklich saufen, aber ich war es definitiv nicht.“
Er antwortet folgerichtig: „Keine Ahnung, wovon Du da redest. Aber ich denke, Du solltest erstmal nichts mehr trinken…“
Ratschläge auf zwei Promill habe ich nicht nötig. Ich brauche einen Psychiater. Am besten zwei. Max kommt dafür weder nüchtern noch im Normalzustand in Frage. Ich lege auf.

Mittlerweile glaube ich, dahinter zu steigen, was hier abgeht: Ich habe dem Murmeltier zu lange in die Augen oder zu lange ins Glas geschaut. Um meiner Theorie auf den Grund zu gehen, muss ich zu meinem gestrigen Busenfreund. Nur er kann mich noch retten. Der Müller.
Ich heize zu Kleptotec. Wenigstens hat sich der Berufsverkehr verflüchtigt. Um meine negativen Gedanken über meinen Geisteszustand bei Seite zu schieben, versuche ich mir die Frage zu beantworten, ob die Bullerei noch nie auf die Idee gekommen ist, dass der Firmenname Berufung sein könnte. So viele einfältige Hohlbirnen auf einem Haufen können doch keine Firma legal am Laufen halten und erfolgreich gestalten. Als mich eine Frau im SLK mit 100 Sachen auf der linken Spur ausbremst und mein audio-visuelles Hupen ignoriert, weiß ich: Alles ist möglich.
Aber im Prinzip ist das auch egal, solange ich gleich einen Schritt weiter bin. Bevorzugt im chronologischen Sinne.

Zum dritten Mal trudele ich beim Müller ein, und meine schlimmsten Befürchtungen bewahrheiten sich, als ich sein Büro betrete und er mich in einem höchst unfreundlichen, unhöflichen und unpassenden Ton begrüßt: „Was wollen Sie denn hier?“
Ich sage: „Herr Müller, ich muss mit Ihnen sprechen. Nach unserem Gespräch gestern wollte ich…“
Manche Menschen in leitender Position haben die Angewohnheit, andere nicht ausreden zu lassen. Er steht auf, bringt sich vor mir in Stellung. Er sagt: „Wie gestern? Sie waren seit Wochen nicht mehr hier, und ich hätte mir gewünscht, dass es dabei bleibt.“ Sein Gesicht drückt Genervtheit aus.
Ich weiß zwar nicht wie, aber irgendwie schaffe ich es immer, bleibenden Eindruck bei meinen Mitmenschen zu hinterlassen. Ob positiv oder negativ ist egal, Hauptsache Eindruck.

Ich balle eine Faust. Er bekommt das nicht mit, denn er ist zu bedacht darauf, Haltung zu bewahren und mich möglichst schnell wieder loszuwerden. Ich bekomme das sehr wohl mit. Meine Nerven sind nach den komischen Tagen im Arsch, und meine Arschnerven stehen kurz davor, den Geist aufzugeben und hier meine Duftmarke zu hinterlassen.
Ich sage: „Aber Sie haben mir doch gestern erzählt, dass Ihre Frau Sie mit Ihrer Sekretärin bescheißt?!“
Er will sich nicht daran erinnern können. Er brabbelt nur irgend etwas von schlechtem Scherz, er sei seit so und so viel Jahren glücklich verheiratet und ich solle seine ach so kostbare Zeit nicht weiter in Anspruch nehmen.

Wortlos schlage ich zu. Mitten ins Gesicht. Mitten in diese scheiß Visage, die Überheblichkeit ausstrahlt, die mit einem Mal kompletter Verwunderung gewichen ist. Ehe der Müller überhaupt reagieren kann, von Nahkampf und Schlägereien und Selbstverteidigung und all den anderen Wegen, nicht mit einem blauen Auge, sondern mit dem Leben davon zu kommen, hat er an seinem Schreibtisch noch nichts gehört, gibt es noch einen auf die Nase. Arschloch.
Seine Nase blutet, und das kotzt mich noch mehr an. Ich schlage erneut zu. Seine Verwunderung hat sich in blanke Angst verwandelt. Er kann nichts sagen. Nicht schreien. Nicht um Hilfe rufen. Nicht flehen, ihn in Frieden zu lassen. Aus Angst, dass ich ihm dann noch eine verpasse. Oder aus Angst, dass ich ihn gleich töte. Oder er ist einfach nur in einem paralysierten Schockzustand. Keine Ahnung. Und es spielt auch gar keine Rolle, denn irgendwo muss ich meinen Frust ja lassen. Irgendwer muss jetzt daran glauben. Irgend jemand muss dafür büßen, dass ich verrückt geworden bin oder die Welt es ist. Und wer eignet sich dafür besser, als irgendein Wichser, der mich schon immer wie Dreck und von oben herab behandelt hat?
Noch einen Kinnhaken. Einmal in den Magen geboxt. Und dann einmal voll in die Eier getreten. Wegen dieses jämmerlichen Haufens wurde ich gefeuert. Drecksack. Ich trete auf den Kerl ein, springe ihm auf den Rücken.
Ich sage: „Was hältst Du davon? Gefällt Dir meine neue Arbeit?“
Keine Reaktion.
Erst jetzt fällt mir auf, dass nicht nur seine Nase blutet, sondern auch sein Kopf, der Boden und der Schreibtisch voll des Blutes sind. Er atmet nicht mehr.
Und, unter uns, es ist mir so was von scheißegal. Entweder er kann sich morgen an nichts erinnern oder ich kriege meine gerechte Strafe. Jetzt im Diesseits oder später im Jenseits. Das dicke Ende kommt noch. Ganz sicher. Amen.

Ich trete nochmal auf ihn ein und dann aus dem Büro, die blutigen Hände in den Taschen. Und wie Gott es will, kommt mir die Geliebte der Witwe der Leiche aus dem Raum da entgegen, Frau Schmidt, und fragt: „Ist alles in Ordnung? Ich habe Lärm gehört.“
Ich sage: „Wir hatten nur eine kleine Meinungsverschiedenheit, da hat er etwas auf den Tisch gehauen. Ich habe seinen Standpunkt eingesehen und bin nun geläutert.“
Oh ja, das bin ich wirklich. Es ist erschreckend, wie gut es tun kann, jemandem all seinen Hass aufs Auge zu drücken, den er selbst willkürlich verursacht hat. Ein befreiendes Gefühl, Gott zu spielen. Genugtuung für einen Mensch. Gerechtigkeit ist widerfahren. Meine Gerechtigkeit überkommt jetzt jeden, der mir in die Quere kommt. Ich habe nichts mehr zu verlieren. Und Zeit habe ich scheinbar genug, um mich nun weiter auf der Liste der bösen Jungs hochzuarbeiten.
Und bei diesem Gedanken schießt mir das Bild der Nutte von gestern in den Kopf.
Ich sage: „Ich muss jetzt gehen, ich muss meiner Chefin von dem Termin berichten.“
Ich sage: „Stören Sie ihn jetzt aber besser noch nicht, ich denke, er ist noch immer ein bisschen erregt.“
Und ein bisschen tot.
Sie geht trotzdem einen Schritt auf das Büro zu.
Ich sage: „Das sollten Sie lieber nicht tun, solange Sie seiner Frau den Arsch auslutschen.“
Mit hochrotem Kopf dreht sie sich weg und verschwindet bald darauf in einer der Türen. Und ich bin mir sicher, dass Elvis das Gebäude verlassen kann, ohne dass Frau Schmidt nach ihrem Vorgesetzten sieht. Obwohl sie das freuen müsste, denn nun hat sie freie Bahn bei der Müller. Schmidt und Müller. Schade, dass aus dieser Verbindung keine Kinder hervorgehen können. Konservativ deutscher geht’s nicht, Adolf hätte seine helle Freude. Er würde im Dreieck oder Hakenkreuz springen.
Ich sage: „Tschüß, bis morgen.“
Auch wenn das keiner mehr hört, ich freue mich darauf. Nie habe ich mich besser gefühlt. Und wenn sich die Möglichkeit ergibt und ich nicht gehängt werde und nicht vor Gewissensbissen angesichts meines ersten Mordes sterbe, dann, na dann sehen wir uns bestimmt morgen wieder. Und übermorgen. Und überübermorgen. Also heute plus X.

Ich verschwinde aus dem Haus und keine Sau interessiert es. Konfrontiere die Leuten mit ihrer eigenen schmutzigen Geschichte und einer gewissen Überlegenheit und sie kümmern sich einen Scheißdreck um die anderen, denen sie eine Sekunde zuvor noch Kummer geschenkt haben.
Ich gehe, ich fahre, ich gehe, ich stehe kurze Zeit später wieder bei meiner Chefin, Ex-Chefin, Kollegin und Geliebten in Personalunion auf der Matte. Ihr blödes Gesicht weckt Erinnerungen. Eine solche Verwunderung hat mir eine halbe Stunde zuvor der Müller geschenkt, nachdem ich ihm seine Nase zurechtrücken wollte.

Die Lisbe, ab jetzt der Einfachheit halber nur noch Uschi genannt, guckt noch immer absolut ungläubig. Ihre falsche Natur am Körper sieht genauso echt aus wie ihr falsches Lächeln, das sie mir sonst immer gewidmet hat. Beides ist unwiderruflich durchschaut. Ich heiße nicht Manfred und habe nie Manfred geheißen.
Nach Sekunden der Entrüstung sammelt sich Uschi endlich. Sie springt auf und keift nur rum: „Was zum Teufel wollen Sie noch hier? Verpissen Sie sich aus meinem Büro!“
Vom Saulus zum Paulus zum Saulus innerhalb eines Tages. Ich spare es mir, ihr zu erklären, dass sie gestern noch in eindeutiger Pose zu mir aufgeschaut hat. Ich glaube, das könnte sie nicht verkraften. Und vor allem nicht verstehen. Ich verstehe es ja selbst nicht.
Ich sage: „Ich wollte mit Dir das Gleiche machen wie gestern.“
Ich sage: „Ob Du willst oder nicht.“
Ich sage: „Pass in Zukunft besser auf Deinen Busch auf.“
Ich sage: „Und rasier Dich endlich mal.“
Das Weib guckt mich ungläubig, ängstlich und perplex an. Und ehe sie ihren roten Lippenstift öffnen kann, verschwinde ich auch schon wieder aus ihrem Büro, ihrem Leben – bis wieder alles beim Alten ist.

Erneut fahre ich nach Hause. Die ganze Sache hier ist ungeheuer praktisch, denn bevor dieser Fluch mein Leben bestimmt hat, habe ich noch vollgetankt. Jeden Tag aufs Neue ein voller Tank, ohne auch nur einen Cent dafür zu blechen.
Tausend Ziele, die ich kostenlos erreichen kann. Tausend Möglichkeiten, ein neues Leben zu beginnen, meine Wünsche durchzusetzen oder aber ein guter Mensch zu werden. Zur Zeit ist dies jedoch unvereinbar. Ich habe Blut geleckt.

In meiner Wohnung rufe ich Max an, sage, er soll mit Bier, Wodka und anderen Leberkrebsauslösern vorbeikommen. Und, wenn er es auftreiben kann, ein wenig Gras, so um die fünf Kilo, zehn Gramm würden es für den Anfang auch tun. Darüber hinaus bitte ich ihn um eine Pistole. Er fragt warum. Ich sage, dass er dafür aus meiner Bude bekommt, was er will, und den gesamten Bargeldbetrag, den ich noch unterm Bett versteckt habe. Er fragt kein zweites Mal.
Ich habe einen Mord begangen, eine Vergewaltigung angedroht, aber ich fühle mich gut. Befreit von dem ganzen Scheiß, den ich viel zu lange ertragen habe, den ich mir durch meine eigene Art irgendwie selbst eingebrockt habe. Aber hey, ich habe zwar böse Dinge getan, aber morgen kann sich keine Sau mehr erinnern – mit Ausnahme von mir.

Um mein neues Leben zu feiern, rufe ich Jasmin an. Die Frau hatte echt was. Intelligent, wunderschön und witzig. Eine äußerst seltene Mischung. Sie konnte mich immer zum Lachen bringen, doch gezeigt habe ich ihr das nie. Innerlich war ich erheitert, äußerlich weiterhin die personifizierte Melancholie. Verständlich, dass sie mich in den Wind geschossen hat. Nachvollziehbar, dass sie sich danach das oberflächliche Gegenteil von mir gesucht hat.
Sie ist nicht sonderlich erbaut darüber, von mir zu hören.
Ich frage: „Können wir uns sehen?“
Sie antwortet: „Und warum? Haben wir nicht bereits alles geklärt?“
Sie bedeutet mir noch immer sehr viel, ich hätte sie niemals gehen lassen dürfen. Sie war und ist einfach großartig. Sie hat das ausgestrahlt, was ich immer wollte. War selbstbewusst, hat stets gesagt, was sie dachte, gleichzeitig war sie aber auch ungeheuer einfühlsam. Eine Frau zum Wohlfühlen. Eine Frau, die mich weitergebracht hat.
Ich antworte folgerichtig: „Na, wir könnten doch noch einmal ficken.“
TUT TUT TUT
Ich lege das Telefon daneben, es gibt sowieso niemanden, der mit mir und mit dem ich reden will.

Meine Nachbarin öffnet nackt, nachdem ich das SOS geklopft habe. Unser Geheimsignal, damit sie weiß, wer da ist und sich entsprechend vorbereiten kann. Dieses Spiel machen wir schon seit Monaten einige Male die Woche. Sie bekommt das, was sie braucht, und ich habe für eine kurze Zeit ein bisschen Spaß. Ablenkung von meinem Leben. Obwohl es sich wieder gibt, sobald ich meine Klamotten wieder angezogen habe, gönne ich mir die paar Minuten Freiheit von meinem eigentlichen Leben. Sex ist eine tolle Sache, große Intimität, Vertrauen, Nähe spielen da eine Rolle. Aber nur, wenn man mit Gefühl bei der Sache ist. Das Gefühl, für das man lebt, für das es sich zu sterben lohnt. Gott, ich liebe Jasmin noch immer, sehne mich nach ihr. Nach den Gesprächen. Ihr einfach nur in die braunen Augen zu gucken, war immer mit einem ungeheuren Glücksgefühl verbunden. Ich vermisse sie, das Gefühl dahinter, die Geborgenheit.

Ich ziehe mich aus und treibe es mit meiner Nachbarin in ihrer Küche. In ihrem Flur. In ihrem Bett. Es gibt hier keinen Raum, in dem wir noch nicht miteinander verhütet hätten, kein Zimmer, in dem sie mir noch nicht einen Pariser übergezogen hat, kein Fleck, auf dem wir uns noch nicht geliebt hätten. Wir machen Liebe ohne Liebe. Wir teilen Nähe und sind doch so fern. Wir zeigen uns nackt und geben einander hin und wissen gar nichts voneinander. Wollen es gar nicht. Ich will nur von einer Person etwas wissen. Und das ist nicht meine Nachbarin.
In Gedanken bin ich woanders und ich finde keine Freiheit vor ihnen. Doppel-D-Nachbarin auf mir, geliebte Jasmin in mir. Ich versuche, mich auf etwas anderes zu konzentrieren, auf das spermageile Luder, das gerade von mir absteigt, um mich mit dem Mund zum Schuss zu bringen. Aber Jasmin schießt mir immer wieder in den Kopf. Ich kann nicht kommen. Meine Nachbarin zieht das Gummi ab und leckt sich lasziv über die Lippen. Aber es ist meine Nachbarin. Wir teilen das Haus, hin und wieder ein paar Bedürfnisse, aber sie ist nicht, was ich will. Das ist mir selten klarer gewesen als in diesem Moment.
Ich sage: „Du, heute bringt das nichts. Ich muss jetzt gehen.“
Sie schaut etwas enttäuscht, hat wohl darauf gehofft, dass ich mich revanchieren würde, wenn sie es mir mit dem Mund macht. Aber sie sagt: „Ist in Ordnung, dann führe ich das alleine weiter.“
Ich ziehe mich an und würdige ihre Selbstbefriedigung keines Blickes. Einer Frau dabei zuzusehen, wie sie es sich selbst macht, ist eine der geilsten Geschehnisse im sexuellen Spektrum, aber ich will hier nur noch weg. Ich gehe Richtung Tür, und bevor ich ganz draußen bin, vernehme ich noch ein lautes Stöhnen. Jetzt hatte zumindest sie, was sie wollte.

Zu Hause warte ich auf Max. Oder besser gesagt auf seine Drogen. Und die Knarre.
Ich denke an Jasmin. An ihr Leben, an unsere Beziehung. Ich liebe sie über alles, und es ist ein Armutszeugnis, dass mir das erst jetzt bewusst wird. Sie hat vollkommen richtig entschieden. Ich habe sie schlichtweg blockiert, stand ihrem Glück im Weg, habe es ihr einfach nicht gegönnt.
Ich werde es morgen noch einmal versuchen. Max klingelt.

Er hat Bier, Wodka, Jägermeister und Gras dabei. Zwei Gramm. Und eine geladene Pistole. Weiß der Geier, wo er die her hat, aber man muss ja nicht alles hinterfragen. Ich gebe ihm die 500 Euro, die noch unter meinem Bett sind. Ich kann’s mir ja leisten, denn morgen wird die Zahnfee oder sonst wer das Geld wieder dorthin gelegt haben.
Wir reden über die guten, alten Zeiten, oder vielmehr reden wir über die alten Zeiten. Außer gemeinsamen Sauftrips haben wir nichts erlebt. Aber so schaut es halt aus. Freundschaft bedeutet nicht großes Vertrauen, keine gemeinsamen Urlaube und Interessen. Keine Gefühlsduselei. Ein Freund ist jemand, der Dir beim Kotzen die Haare aus dem Gesicht hält. Genauso gut könnte ich meine Matte auch mit einem Haargummi beisammen halten. Das Resultat wäre das Gleiche.

Während Max immer gelassener wird und sich eine weitere Tüte dreht, überkommt mich der Frust der vergangenen Tage. Der Schmerz meiner Trennung, den ich nicht mehr verdrängen will. Die Aussichtslosigkeit dieses Tages. Ich würde gerne eine Nacht über alles schlafen, dann Entscheidungen treffen, aber morgen ist heute. Heute ist nicht morgen. Ich komme für mich selbst vielleicht voran, kann machen, wozu ich Lust habe, und die Dämonen in mir entdecken und bändigen, wozu sonst kein Mensch eine Möglichkeit hat. Aber morgen werde ich wieder mit einer Kopie des heutigen Tages konfrontiert. Ich habe bereits keine Lust mehr.

Während Max von unserem St. Pauli-Abend von vor drei Jahren erzählt, und ob ich noch wüsste, wie er damals fast die Nutte vollgekotzt hätte, werde ich aus meinen Gedanken gerissen, weil die Wohnungstür eingetreten wird. Herein stürzen verschiedene Männer des Sondereinsatzkommandos und schreien, dass wir die Hände hochnehmen sollen. Ich habe keine Angst. Nur ein schlechtes Gewissen, dass Max nun involviert ist, weil ich meinen Aggressionen beim Müller freien Lauf gelassen habe. Ich nehme die Waffe in die Hand, ich will das jetzt…

IV.

„…und jetzt zur Stauschau: Zwei Kilometer auf der A42 zwischen Bochum und Dortmund nach…“
…einem Unfall blablabla. Ich bin noch immer da. Die maskierten Männer vom SEK des BKA gestern haben die Waffe in meiner Hand wohl als Risiko eingestuft und mich scheinbar erschossen. Ich war sofort tot, weil der Schuss das Letzte ist, woran ich mich erinnern kann.
Kein Tunnel, kein Licht. Vielleicht hätte ich das Licht am Ende des Tunnels gesehen und bin einfach etwas zu früh abgebogen. Vielleicht hat mich Gott aber wieder von Wolke Sieben geworfen, weil meine Aufgabe hier noch nicht erledigt ist.
Auch wenn sie mir gestern wahrscheinlich das Gehirn heraus geschossen haben, bin ich klarer bei Verstand denn je. Bevor ich noch einen Gedanken an gestern oder vorgestern verschwende, greife ich zum Telefon. Ich will mit Jasmin sprechen. Ich bete, dass sie da ist. Dass sie sich wie die anderen nicht an das Vergangene erinnern kann. Hoffentlich ist heute noch nicht morgen.
Ich wähle die Nummer, wähle die Hoffnung und die Zukunft. Ich habe mich entschieden. Ich habe mich für sie entschieden, nicht für mich, nicht für meine jämmerliche Existenz, der ich nicht entfliehen kann. Ich will wissen, wie es ihr wirklich geht. Ist sie mit ihrem neuen Partner glücklich, dann habe ich die Daseinsberechtigung in ihrem Leben verloren. Aber ich will wissen, ob es wirklich so ist, damit ich mit ihr abschließen kann.
Sie sagt: „Hallo, hier ist Weber.“
Sie sagt: „Ich bin momentan nicht zu Hause.“
Sie sagt: „Bitte hinterlassen Sie mir eine Nachricht nach dem Signalton.“ PIEP.
Ich sage: gar nichts. Vermutlich ist sie bereits auf Arbeit oder auf dem Weg dorthin. War sie früher unglücklich, konnte sie es nie erwarten, zu arbeiten. Sich abzulenken. Sie war in solchen Fällen immer arbeitsgeil. Sie hat mich dann immer schnell verlassen. Denn ich habe sie unglücklich gemacht. Sie ist vor meiner ein- und zunehmenden Melancholie geflüchtet.
Vielleicht ist sie aber noch im Bett oder im Bad oder bei ihrem Freund. Ich will es wissen. Endlich dieses meine Leid aus der Welt schaffen. Ich bin ein Arschloch, das sie nicht verdient hat. Aber mit etwas Glück haben wir ja eine zweite Chance verdient. Wunder sind noch nicht ausgegangen. Dieser sich wiederholende Tag ist Wunder genug. Und er hat mir gezeigt, was mir wichtig ist. Am wichtigsten ist.

Ich gehe ins Bad, dusche, putze mir drei Minuten die Zähne. Mundspülung nicht vergessen. Ich werfe mich in einen meiner drei identischen schwarzen Anzüge, jedoch in einen anderen als an den Vortagen, binde mir die Krawatte und eile zum Wagen. Mein Ziel ist nicht meine Firma, mein Ziel ist meine Jasmin. Auch bekannt als Traumfrau. Wahre Liebe. Gott, bitte, lass sie glücklich sein. Und wenn sie es nicht ist, gib mir die Möglichkeit, ihr das Glück der Welt bescheren zu können. Dann schwöre ich auch, dass ich weder Müllers töte, noch Uschis ficke. Und wenn Du mir mein Leben wieder zurückgibst und ich nicht Tag für Tag den selben Tag erlebe, dann verspreche ich auch, dass ich die Nachbarin nicht mehr vögeln werde.

Ich fahre zum anderen Ende der Stadt, und ich muss, dem Himmel sei Dank, nicht einmal über die Autobahn fahren. Das Fahren fällt mir schwer, ich habe bleierne Beine und wackelige Knie. Ewigkeiten haben wir uns nicht gesehen, die letzten Worte waren alles andere als freundlich. Sie hat nichts gesagt, und ich habe sie beleidigt. Und runter geputzt. Und mit Tiernamen beschimpft. Und ihr vulgäre weibliche Geschlechtsorgane an den Kopf geknallt.
Ich war wirklich kein netter Typ. Im Grunde bin ich das noch immer nicht. Aber ich bin jetzt etwas weiter. Wenn ich sie wirklich liebe, dann lasse ich sie gehen, wenn sie glücklich ist. Wenn ich sie wirklich liebe und es ihr mit dem neuen Bodybuilder-Verschnitt nicht gut geht, so will ich alles tun, um sie glücklich zu machen. Und so oder so, weil ich sie liebe, muss ich mich ihr offenbaren, ihr zeigen, wie wichtig sie mir ist. Die Hosen runterlassen und es gerne tun. Sie an meinem Leben, meinen Emotionen und Gedanken teilhaben lassen. Ihr zeigen, wer ich wirklich bin, was ich wirklich denke, und mir nicht vor Angst in die Hosen scheißen, damit sie meine Schwäche nicht ausnutzen wird. Es darauf anzulegen, dass sie mich und meine Schwächen lieben kann, ist natürlich schwierig. Aber es ist einen Versuch wert.

Ich werde weiter nervös, und in einer engen Kurve verliere ich bei Tempo Hundert die Kontrolle über meinen Focus. Und in der nächsten Sekunde kommt mir eine deutsche Eiche immer näher. Und näher. Und ich kann nur zusehen, meine Arme sind wie gelähmt.

V.

„…und jetzt zur Stauschau: Zwei Kilome…“
Ich sage: „Halt die Fresse!“
Ich sage: „Scheiße!“
Und: „Hätte ich doch nur die Autobahn genommen.“
Schweres Los, die ganze Zeit zu sterben und sich immer daran zu erinnern und noch immer da zu sein. Wenn man mit seinem Leben nicht mehr klar kommt, ist der Tod der letzte Ausweg. Nicht bei mir. Ich frage mich, ob mich die Ewigkeit irgendwann einmal dahinraffen wird. Vielleicht hat man in einer solchen Zeitschleife nur sieben Leben. Und vielleicht kommt beim siebenten Streich ein Blue Screen mit dem Schriftzug: „Game over“. Vielleicht muss ich aber auch Millionen Tode sterben.
Ich habe die Augen noch geschlossen. Erst jetzt wird mir bewusst, dass der Radiohiob nichts mehr sagt, obwohl ich mich nicht vom Fleck bewegt habe.

Eine tiefe Stimme sagt: „Nimm nächstes Mal wirklich besser die Autobahn, Landstraßen können tückisch sein.“
Ich reiße die Augen auf, aber ich sehe nichts. Es ist alles schwarz.
Ich frage: „Wer ist da?“
Die Stimme antwortet: „Hier ist Gott!“
Ich frage: „Echt?“
Die Stimme lacht: „Nein, Gott ist tot.“ Die Stimme lacht weiter. Ich lache nicht.
Ich sage: „Wer bist Du dann?“
Die Antwort: „Das ist absolut unwichtig, wer oder was ich bin.“
Die tiefe Stimme sagt: „Du hast in den letzten Tagen viel gelernt und vieles gesehen, wozu nur wenige Menschen die Möglichkeit bekommen.“
Ich habe keine Ahnung, was hier los ist. Wo ich bin. Wer mit mir redet. Gut möglich, dass ich jetzt den Verstand verloren habe. Vielleicht ist das aber wieder ein Traum. Und vielleicht waren die letzten vier Tage auch nichts anderes.

„So ist es“, erklingt es aus der dunkelsten Dunkelheit, die man sich vorstellen kann.
Scheiße, die Stimme kann meine Gedanken lesen.
„So ist es“, und die Stimme lacht die sarkastischsten Töne, die ich jemals gehört habe. „Aber darum geht es nicht. Du weißt jetzt, was zu tun ist. Du weißt, was Du willst. Dann setze es auch um. Nur umfahre bitte sämtliche Bäume demnächst.“
Und obwohl ich nicht müde bin, gleite ich wie von Geisterhand wieder weg.

VI.

„…und jetzt zur Stauschau: Zwei Kilometer auf der A42 zwischen Bochum und Dortmund nach einem Unfall. Drei Kilometer auf der A43 zwischen Recklinghausen und…“
Aus dem Bett gesprungen und den Aus-Knopf gedrückt. Zum Telefon gerannt und auf die Tasten gedrückt. Die Nummer gewählt und die Stimmung gedrückt. Jasmin nimmt nicht ab. Jasmin ist nicht da. Oder sie schläft noch.
Bin ich geisteskrank oder ein Prophet? War das ein gottähnliches Wesen oder nur meine Stimme in meinem Kopf? Ich weiß es nicht. Vermutlich weiß das keiner.
Es gibt nur eine Sache, die jetzt wichtig ist: Jasmin.

Schick mache ich mich, dusche abermals, scheiße auf den Anzug und ziehe meine alte, aber saubequeme Levi’s an. Ein schwarzes, printfreies Shirt rundet den Gesamteindruck ab, den ich von mir selbst habe: Dass ich mich wieder wie ein Mensch fühle. Oder besser: Dass ich mich wieder wie ich selbst fühle, dass ich nicht nur mein Job bin. Befreit von den Fesseln des Alltags fühle ich mich nicht mehr wie ein Freak an der Leine, der nur zu funktionieren hat, um es anderen recht zu machen.
Jetzt geht es wieder um mich. Um meine Bedürfnisse. Jasmin.

Wieder einmal steige ich meinen Wagen, schmunzel über den Brandfleck auf dem Beifahrersitz, der entstanden ist, als ich vor lauter Küssen die Zigarette in meiner Hand vergessen habe und fast Jasmins Oberschenkel gebrandmarkt hätte. Ihren Wutanfall konnte ich dann mit noch mehr Küssen wieder entschärfen.
Auf dem Weg zu ihr fallen mir noch tausend weitere Kleinigkeiten ein, an die ich ewig nicht gedacht habe. Mein erster Kundentermin bei ihr in der Firma, als ich sie kennengelernt habe, woraufhin sie immer mal wieder Probleme mit der Software vorgetäuscht hat, um mich wiederzusehen. Der erste Sex, bei dem wir beide einen Lachflash bekamen, weil wir sturzbesoffen waren und vom Bett geflogen sind. Ihre vielen Extrawünsche in Restaurants, wenn sie Jägerschnitzel ohne Fleisch haben wollte. Ihre Berührungen auf meiner Haut, die sich einmalig vertraut angefühlt haben, mich immer wieder bewegt haben. Der erste Streit, weil ich meine Socken vorm Bett liegen gelassen habe.
Es war eine tolle Zeit. Und mit etwas Glück wird das auch wieder eine tolle Zeit.
Bei ihr zu Hause angekommen, klingele ich, aber es passiert rein gar nichts. Niemand öffnet. Aber so kurz vor dem Ziel gebe ich nicht auf. Ich sehe ihren Wagen nicht.

Ich fahre weiter zu ihrer Arbeitsstelle, der Tank ist schon wieder noch immer voll. Und es sind nur zehn Minuten, bis ich endlich Gewissheit habe, was aus ihr geworden ist und zwangsläufig aus uns noch werden kann.
An der Rezeption sage ich, dass ich einen Anruf bekommen habe, um mal nach der Software zu schauen, die ein paar Probleme machen würde. Die männliche Empfangsdame guckt mich komisch an, sieht sonst ja nur Lackaffen in Anzügen, und sagt: „Ja, das muss oben im fünften Stock sein, die haben ja immer Probleme damit. Gehen Sie nur hoch.“
Ich wähle den Fahrstuhl. Wenn ich meine Jasmin sehe, will ich nicht den Eindruck hinterlassen, als sei ich außer Form. Ich will nicht schwitzen. Ich will zwar auf dem Spielfeld stehen, aber ich will nur den alles entscheidenden letzten Ball versenken, um dann grinsend und völlig schweißbefreit in die Kameras zu grinsen: „Ich habe meine Jasmin wieder.“

Am Ziel angekommen bekomme ich weiche Knie. Nur noch sieben Schritte, dann sehe ich Jasmin. Sechs. Fünf. Sechs. Ich bleibe stehen. Die große Frage, was ich will: Dass sie glücklich ist oder dass ich glücklich bin?
Ich weiß es nicht. Am besten beides. Wie? Keine Ahnung. Am besten beides.
Fünf. Vier. Drei. Zwei. Eins. Noch ein Schritt, und ich trete ihr nach so langer Zeit wieder gegenüber. Zwei. Eins. Zwei. Eins. Drauf geschissen. Null. Ich schaue in ihr Büro.
Sie sitzt an ihrem Rechner, tippt, bemerkt mich gar nicht. Sie trägt eine hellblaue Bluse. Ich hasse dieses Babyblau. Und das habe ich ihr immer gesagt. Zu oft? Überschlagen wir das mal… Zu oft. Viel zu oft.
Jasmins Kollegin schaut zu mir rüber, doch ihr fragender Blick wandert nur kurz zu meiner Ex-Freundin und beachtet mich nicht weiter. Noch kann ich abhauen, mich verpissen, aber kann man seinem Schicksal entrinnen? Ich spreche sie einfach an.
„Hallo, Jasmin“, sage ich. Sehr originell. Ewig brenne ich darauf, sie zu sehen, und dann zerfällt meine Eloquenz zu Asche.
„Ben?“ Jetzt hat sie mich gesehen. Und kann es nicht glauben. Pure Überraschung ist ihrem Gesicht zu entnehmen. Ob positiv oder eher nicht, werde ich jetzt mal herausfinden.
„Schön, Dich zu sehen. Und noch viel…“ Frauen neigen dazu, mich zu unterbrechen.
„Ben, was willst Du?“ Wie es scheint, ist mein Erscheinen eher negativ.
„Um ganz ehrlich zu sein…“, was sage ich denn jetzt? Eine gottähnliche Stimme in meinem Kopf hat es mir geraten? Es ist mein sehnlichster Wunsch, Dich wieder zu bekommen? Ich habe mich verfahren und dann auch noch verlaufen? Nein, nein, nein. „Ich habe mir Sorgen um Dich gemacht. Ich wollte wissen, ob es Dir gut geht.“
„Ist das alles?“ fragt sie, sichtlich angekotzt von der Situation. Keine Freude in den Augen. Das ist kein Überraschungsmoment mehr. Ich habe einen Nerv bei ihr getroffen, aber nicht den, der zum Gehirn führt und dort Endorphine ausschüttet.
„Ja, das ist alles, Süße“, sage ich und auch wenn es schwer fällt, drehe ich mich um. Und will meine Vergangenheit hinter mir lassen, wenn ich für sie bereits Vergangenheit bin. Das Wichtigste in meinem Leben hat mich verlassen. Und erst, als es bereits zu spät war, habe ich es verstanden. Du weißt erst, was Dir etwas bedeutet, wenn Du es verloren hast. Das lernst Du in der Schule. In der Schule des Lebens, in der ich gerade sitzen geblieben bin. Und wahrscheinlich muss ich morgen von Neuem anfangen. Ohne Aussicht auf einen Abschluss. Ohne Hoffnung auf Liebe. Ohne Ziel, ohne Zweck. Und vor allem: ohne Zukunft.

Im Augenwinkel sehe ich einen goldenen Ring an ihrer rechten Hand. Den hat sie nicht von mir bekommen. Ich bewege mich zur Tür. Eins. Zwei. Drei. Vier. Kein Wort zu vernehmen. Fünf. Sechs. Sie beginnt wieder mit dem Tippen.
„Eins noch“, wirft sie mir hinterher, und ich bleibe stehen, ohne mich herumzudrehen. „Mir geht es sehr gut. Ohne Dich. Schließe bitte die Tür und komm nie wieder.“
Sieben. Acht. Neun. Die Tür lasse ich offen. Kein Wort kommt mehr aus dem Raum, aber ich bin plötzlich ruhig. Irgendwie hat es KLICK gemacht. Die Dame meiner Vergangenheit und Träume hat mich gerade aufs Übelste abserviert und mir in den Arsch getreten, und es ist mir gleich. Ein Mythos, dem ich hinterher gerannt bin. All die Gedanken, all der Schmerz – vergebens. Einerseits ist das sehr frustrierend. Andererseits hat das aber sehr befreienden Charakter. Es ist so wie mit der Achterbahn. Du steigst ein und fährst stundenlang Runde über Runde, es geht rauf und runter, zwischen Aufregung und Adrenalin meldet sich nur Dein Magen, der sich selbst am liebsten auskotzen würde, aber es ist alles so geil, und Du nimmst gerne die Schattenseiten in Kauf. Bis Du aussteigst und endlich wieder klar im Kopf wirst, nachdem Du erst einmal herumgetorkelt und auf die Fresse geflogen bist. Ich bin jetzt ausgestiegen und hingeflogen, aber ich stehe wieder auf. Mit etwas Distanz und Ruhe kommt mir diese Achterbahn gar nicht mehr wie das Nonplusultra vor. Bist Du nicht mehr mittendrin, findest Du das Ganze sogar eher lahm und langweilig.

Ich laufe diesmal nach unten, Fahrstühle sind eh was für Warmduscher, und die männliche Empfangsdame fragt mich, ob ich das Problem lösen konnte.
Ich nehme ihn zur Seite und sage nur: „Kennen Sie die geile Schlampe da oben, die heute dieses babyblaue Top anhat?“
Er grinst nur, zwinkert und meint: „Glauben Sie mir, die kennt jeder hier im Haus… von oben bis unten.“
„Dachte ich mir.“ Wir lachen beide und ich verabschiede mich bis auf Weiteres. Vielleicht ja bis morgen, wenn ich es mir anders überlegt haben sollte. Ich glaube aber nicht.

Als ich wieder in meinem Reich der ungeordneten Einsamkeit und potentiellen Fünf-Sterne-Appartement angekommen bin, rufe ich mal wieder Max an und frage ihn, ob er mit ein paar Bier vorbeikommen mag. Die Erkenntnis des Jahres muss gefeiert werden, darauf muss man anstoßen und da meine Nachbarin nicht zu Hause war, muss nun Max dran glauben.

Wir trinken die paar Bierchen, gammeln auf der Couch herum und reden über die ganzen Frauen, die wir in den vergangenen Jahren erfolgreich oder vergeblich abgeschleppt haben. Jaqueline… jaja… Das Weib mit den riesigen Blaslippen. Dana… Die Frau mit den extrem schnellen Fingern… Nadine… Das Mädchen, das mit 15 so aussah wie eine verbrauchte 30-Jährige, aber uns Altherren dennoch kräftig eine gescheuert hat. Das waren noch Zeiten, und das erste Mal seit langer, langer Zeit habe ich das Bedürfnis, diese Zeiten wieder aufleben zu lassen. Zu schauen, was ich noch erreichen kann und was der Markt noch für mich hergibt. Wir einigen uns darauf, morgen Abend wegzugehen, was jammerschade ist, da morgen ja wieder heute sein wird, aber das Bier knallt gut rein und ich schlafe trotzdem ganz gemütlich ein…

VII.

„…und jetzt zu etwas Erfreulichem: Ihr Freund hat viel Glück gehabt. Wenn seine Nachbarin sein Schreien nicht gehört hätte, bevor er ohnmächtig geworden ist, wäre er jetzt wohl nicht mehr bei uns.“
Ganz entfernt höre ich diese Stimme, die mir bekannt vorkommt. Die vermeintliche Stimme Gottes. Der Radiomann ist tot. Endlich.
Ich öffne langsam die Augen, ich fühle mich, als habe ich eine Woche durchgeschlafen. Und um die Augen auch nur einen Spalt aufzuhalten, muss ich mich anstrengen wie beim Marathon. Ganz schemenhaft erkenne ich Max, einen Doktor und etwas Hellblaues… Jasmin.
„Schauen Sie, er hat die Augen offen!“ freut sich der Doktor. Die anderen beiden scheinen erleichtert.
Kraftlos frage ich: „Was ist passiert?“
Ich bin wiedergeboren worden und nun im Nirwana gelandet.
„Nun“, beginnt Max, „Deine Nachbarin hat Dich schreien gehört und sofort die Polizei gerufen. Die fanden Dich mit einem Toaster in der Badewanne. Wie es scheint, wolltest Du Dich umbringen, aber Du hast glücklicherweise das Kabel des Toasters aus der Steckdose gerissen.“
Okay, für’s Nirwana reicht das nicht, viel eher bin ich ein Fall für Pleiten, Pech und Pannen.
„Als sich die Beamten umgesehen haben, entdeckten sie die Reste der Schlaftabletten und haben Dich gleich ins Krankenhaus gebracht. Du hast nun knapp eine Woche geschlafen, und wir sind sehr froh, dass Du wieder da bist.“
Der Doktor fährt fort: „Herr Scholz, sie hatten wirklich Glück im Unglück. Wie es scheint, waren sie völlig ausgepowert und verwirrt, nachdem sie gekündigt wurden. Aber auch in diesem Punkt haben wir eine gute Nachricht für sie: Ihre Chefin war da und sagte, Sie können Ihren Job wieder haben.“
Kaum tickt man mal aus, sind alle freundlich zu einem. Also war das doch kein Martyrium, keine medialen Eingebungen, ich bin kein Prophet, sondern das alles waren nur die feuchten Träume eines ausgebrannten Mannes, der einfach mal wieder etwas schlafen musste. Ganz ehrlich, nächstes Mal tacker ich den Toaster in der Wand fest oder spring ohne Fallschirm aus einem Flugzeug.
„Wenn Sie sich in den nächsten Tagen besser fühlen und Sie einer psychiatrischen Behandlung zustimmen, können Sie bald wieder nach Hause in ihr altes Leben zurückkehren. Wir gehen davon aus, dass die Sache mit dem Toaster eine einmalige Sache war.“ Das dachte ich auch.
„Danke, Herr Doktor. Aber eine Frage habe ich noch: Was macht SIE hier?“
„Das kann ich Ihnen sagen. Sie haben die ganze Zeit ihren Namen gerufen, und da habe ich Ihren Freund hier gefragt, ob er damit etwas anfangen könnte. Er hat Ihre Freundin dann hierher gebracht, und wir dachten, das hat einen guten Einfluss auf Sie. Und so kam es dann auch.“
Für mich hat das zwar eher was von Einlauf oder Ausfluss, aber was soll’s…
„Wir lassen Sie jetzt alleine, Sie haben sich bestimmt viel zu erzählen“, sagt der Doktor und nimmt meinen Alkoholikerfreund mit nach draußen. Gehen wohl ein paar Bierchen zischen. Jasmin kommt näher und näher… und setzt sich nun zu mir.
„Hallo, mein Großer!“ sagt sie und gibt mir ein Küsschen auf die Wange. „Bin ich froh, dass Du noch unter den Lebenden weilst. Ich habe mir große Sorgen gemacht.“
An ihrer Hand ist kein Ring.
„Warum?“ frage ich und weiß es wirklich nicht. Der Traum mit der Abfuhr ist mir noch zu nah.
„Weil ich Dir noch so vieles sagen wollte“, entgegnet sie. „Ich habe oft an Dich gedacht, vor allem nachdem ich mit Rick wieder Schluss gemacht habe. Ich habe Dich vermisst, und es tut mir Leid, dass ich nie gesehen habe, wie schlecht es Dir wirklich geht. Ich dachte immer, Du wolltest mir einfach mein Leben kaputt machen, aber das jetzt war ein Hilferuf von Dir, den ich verstanden habe. Wenn Du willst, können wir schauen, was noch zu retten ist.“
Sie streicht mir über das Haar, hält mir die Hand und es fühlt sich an wie nichts. Zerbrochenes kann man wieder aufheben und flicken, aber es ist nur eine Frage der Zeit, bis es erneut fallen gelassen wird. Cola-Flaschen und Blackboxen sind unkaputtbar, Liebe aber blüht nur einmal.
„Nein“, sage ich und sehe in Jasmins Gesicht die gleiche Verwunderung, die ich in meinen letzten Tagen bei meiner Chefin und Herrn Müller gesehen habe, „nein, ich will nicht mehr.“
Jasmin scheint die Welt nicht mehr zu verstehen: „Warum denn nicht? Warum hast Du dann die ganze Zeit meinen Namen gerufen, wenn ich Dir heute egal bin?“
„Ich war von einem Dämonen besessen, der mich nun endlich verlassen hat. Und ich hasse Babyblau wie die Pest.“
Jasmin steht auf und geht Richtung Tür. Eins. Zwei. Drei. Vier. Fünf.
Sie lässt die Tür offen. Max schneit wieder herein und fragt, warum Jasmin geweint hat. Ich antworte nicht. Ich sage ihm nur, dass ich in den letzten Tagen einen Trip gefahren habe, von dem er nur träumen könnte. Ich sage ihm, dass wir, sobald ich wieder zu Hause bin, unbedingt gemeinsam weggehen müssen.
„Alles klar, Mann!“ sagt Max, „alles, was Dir hilft.“
Das wird es. Das wird es definitiv.

Retrospektive

Ist Bescheidenheit eine Tugend? Darf man sich selbst loben? Wie auch immer – die Geschichte gefällt mir richtig gut, da hat mich meine Erinnerung nicht getäuscht. Mir gefallen viele Bilder und Metaphern, Sätze und Punchlines, die einfach sitzen. Der dahinter liegende Frust ist mir wieder in die Glieder gekrochen. Insgesamt sehr zynisch geschrieben, das war auch Sinn und Zweck, ohne aber das Gefühl zu haben, ständig über den Rand gemalt zu haben.

Natürlich ist es eine Hommage an den „Groundhog Day“, aber es steckt vor allem auch sprachlich jede Menge „Fight Club“ darin. Wen sollte das wundern, vergöttere ich dieses Werk doch mehr als alles andere.

Und ich lese mich selbst sehr distanziert da heraus: Männlicher Erzähler in Dauerkrise. Aus heutiger Perspektive muss ich feststellen: Was für ein Lappen! Wenig bis keine Verantwortung für die eigenen Taten zu übernehmen, quasi das Universum für sein Unglück verantwortlich zu machen, und wenn nicht das, dann wenigstens das direkte Umfeld, das kann ich durchaus noch nachempfinden, ohne es heute noch so zu sehen.

Hintergrund für diese Geschichte war auch eine für mich sehr schmerzhafte Trennung, die zwar irgendwie von mir selbst ausgegangen ist, aber mit der ich – wenn ich ehrlich bin – viele Jahre nicht zurechtgekommen bin. Das wollte ich hier ein Stück weit verarbeiten. Ich mag zwar den gewählten Stil, die verschiedenen Ebenen und die inneren Monologe, mir kommt es aber heute etwas zu frauenfeindlich vor, wie sich der Frust dort Bahn gebrochen hat. Immerhin schafft es auch mein Erzähler, zum Schluss ein bisschen die Biege zu bekommen und in die Selbstreflexion zu gehen. Nach der Gewaltspirale kehrt er zur Kontrolle und innerer Klarheit zurück, wenn die Realität wieder eine ernsthafte Option ist.

Insgesamt definitiv eine meiner Lieblingsstories, auch jetzt noch, und ich vermute, wahrscheinlich summa summarum das Beste, was ich je zu Papier gebracht habe.

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