Schmacht
Kontext
Entstanden: 21. Oktober 2005 (letzte Änderungen: 16. Juli 2008)
#3 Geht's auch lustig?
Wo Sex und Gewalt sind, dürfen Drogen nicht fehlen. Aber keine Sorge, es geht hier „lediglich“ um Zigaretten. Und um den Versuch, vielleicht einmal etwas Lustigeres zu Papier zu bringen.

Kippen, Kippen! Gott, gib mir doch bitte jemand eine Zigarette! Ich verschmachte!
Was seid Ihr alles nur für herzlose Menschen?
Dem Penner auf der Straße schmeißt Ihr ein paar Euro zu, wohlwissend, dass er sich davon was Neues zu saufen holt. Aber mir? Meine Hilfeschreie hört Ihr nicht, Ihr versteht sie nicht. Ich will Kippen, verdammt, ich habe seit drei Stunden keine mehr geraucht. Ohne Sex, damit kann ich leben. Ohne Essen, meine Güte, das geht auch. Trinken? Drei Tage ohne hauen hin. Aber ohne Zigarette wird jede Sekunde hier zur Qual. Ich habe mich verzehrende Langeweile, ich weiß einfach nicht, was ich tun soll. Die gelben Finger sind beschäftigungslos.
Meine Nase bietet keine Popel, mit denen sie spielen könnten, meine Nägel sind bis zur Unkenntlichkeit abgekaut. Was soll ich nur mit meinen Fingern machen?
Hmm … Fingerspielchen unter der Bettdecke wären wohl auch nicht von Erfolg gekrönt. Nach dem fünften Mal letzte Stunde hat es schon wehgetan.

Einerseits könnte ich meine Freunde treffen, andererseits könnte ich es aber auch lassen. Ohne Glimmstängel kann ich mir deren Gejaule keine zwei Minuten anhören. Er wäre der perfekte Puffer, um ihnen nicht gleich meine Meinung zu ihren Problemchen vor die Füße zu kotzen. Mein Freund hat mich verlassen! Ja, und? Mir geht es viel, viel schlimmer. Ich habe seit Ewigkeiten nicht mehr geraucht. Du findest schon einen neuen Stecher, aber ob ich jemals eine neue Zigarette finde, das steht in den Sternen. Also lieber nichts mit Leuten machen, auf die man in naher oder ferner Zukunft noch einmal angewiesen sein könnte.
Ja, ich könnte nach draußen gehen, mich an der Natur beglücken oder so. Doch beim ersten Zigarettenstummel, über den ich auf der Straße stolpere, wäre ich wieder da, wo ich jetzt bin. Und es wäre weitaus schlimmer! Die meisten rauchen nicht alles weg, lassen zwei, drei Züge dran. Welch Verschwendung dieser egoistischen Leute, die nur soviel rauchen, wie sie wollen. Nicht ein einziges Mal denken sie daran, dass das Zigarettchen sich auf diese Weise nie komplett entfalten kann. Der Anblick einer zertretenen, nicht aufgerauchten Zigarette würde mir das Herz brechen.
Ich könnte einfach nach oben sehen, doch das ist auch nicht ohne. Der Himmel ist genauso grausam. Überall sehe ich Wolken und Qualm. Qualm! Qualm, der aus meiner Zigarette kommen könnte, verdammt.

Nach draußen gehen ist also nicht. Und hier in der Wohnung bin ich ebenfalls nicht fündig geworden. Nicht einmal im Spülkasten habe ich was gefunden. Unter dem Bett nichts. Hinter allen Büchern vergeblich gesucht. Und meine letzte Ration an Notfallzigaretten habe ich vor drei Stunden zu Ende geraucht. Die vorletzte Ration ging heute Morgen in Rauch auf, die vorvorletzte heute Nacht.
Ich könnte meine Socken rauchen … Nein, die Hoffnung stirbt zuletzt, und die Socken behalte ich als Plan B im Hinterkopf, falls meine Suche ergebnislos sein sollte.
Es schaut aus, als habe hier eine Bombe eingeschlagen. Als habe jemand einen Haushalt auf den Kopf gestellt, um an Omas verstecktes Sparschwein mit den Tausendern zu kommen. Aber ich will gar keine Tausender. Ich will ja nur Kippen! Ich bin bescheiden.
Mir ist im Leben doch nicht viel geblieben. Computer versteigert, um meine letzte Miete zu bezahlen. Wer ist schuld? Der scheiß Vermieter, der sein ganzes Geld für Autos und Häuser verprasst und nun mal eben mehr Geld wollte. Betriebskostenabrechnung … Blablabla! Natürlich! Was kann ich bitte dafür, wenn der nicht mit seinem Geld umgehen kann?

Das Witzige ist ja, dass meine Ex mir das Gleiche vorgeworfen hat. Dass ich verantwortungslos wäre. Pah! Die habe ich rausgeschmissen, und der einzige Genuss an dem Tag waren meine Zigaretten. Die sind treu. Freundin also weg.
Wie der Job. Mein Chef, der blöde Kapitalist, der hat meine Raucherpausen nicht mehr eingesehen. Nicht eingesehen, dass Kippe bei mir gleich Kreativität und Kundenfreundlichkeit ist. Nicht eingesehen, dass Herr Müller von der Firma so und so mir nicht erlauben wollte, bei ihm im Büro zu rauchen, und er völlig zurecht von mir zurechtgewiesen und als ignoranter Scheißkerl tituliert wurde. Von Selbstbestimmungsrecht haben die wohl alle noch nichts gehört. Die denken alle nur an sich!

Moment, da, da vorne, hey, das ist doch … Eine Zigarette! Dem Himmel sei dank! Gott muss ein leidenschaftlicher Raucher sein. Rechts hinterm Küchenschrank hat sie sich versteckt. Ich packe sie. Schnell Staub und Essensreste runterblasen, woher der Dreck auch kommt.
Ich stecke sie mir in den Mund … Scheiße! Wo zum Teufel ist mein Feuerzeug? Vermutlich im Wohnzimmer unter den Büchern und der umgedrehten Couch. Ich eile, dann dauert es nicht mehr lange. Dann ist es soweit. Nach unendlichen drei Stunden. Und es ist wirklich da, mein gutes, altes Zippo. Glück gehabt. Mein gutes Erinnerungsvermögen. Und da soll noch jemand sagen, dass Rauchen die kognitiven Fähigkeiten eines Menschen vernebelt. Jaja, alles Vorurteile, in die Welt gesetzt von Nichtrauchern. Alles Neidhammel, die nicht genießen können und das durch üble Nachrede zu kompensieren versuchen.
Ich renne zurück in die Küche und kugele mir dabei die Schulter aus, weil ich volle Pulle gegen den Türrahmen geprallt bin. Aber so kurz vorm Ziel gebe ich natürlich nicht auf.
Ich zünde dieses Prachtstück von Zigarette mit zittrigen Händen an. Ah, und wie sie schmeckt. Abscheulich! Ich sollte wirklich mit dem Rauchen aufhören. Nach dieser Zigarette. Wirklich.

Retrospektive

Egozentrisch bis in die Haarspitzen – schuld sind natürlich die anderen. Das passt in die heutige Zeit. Zudem hat mir mein junges Ich wohl anscheinend den Mittelfinger in die Zukunft geschickt. Wenn ich das so lese, fühle ich mich ein Stück weit ertappt. Denn das Rauchen habe ich noch immer nicht dran gegeben. Umso passender die Persiflage eines Nikotin-Abhängigen. Verdammte Axt.

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