Könige der Nacht

Kontext
Entstanden: 8. November 2006
#10 Abwärts
Wieder eine längere Pause vom Schreiben, weil ich offenbar meine sieben Sachen klären musste. Habe wenig Erinnerung an die Geschichte – außer dass ich einen Absturz thematisieren wollte, der nicht meiner war.
Triggerwarnung: Drogenmissbrauch
⚠️ Hinweis: Diese Geschichte enthält explizite Inhalte und ist nur für volljährige Leser:innen geeignet (FSK 18 / NSFW).

Alex, sage ich, weißt Du noch, wie alles angefangen hat? Da waren wir zwölf, und Du hattest Deiner Mutter zwei Marlboros geklaut. Wir wollten beide zu den coolen Kids gehören und haben uns erstmal die Seele aus dem Leib gekotzt. Aber hey, Hauptsache cool. Und wir waren sooo cool. Absolute Trendsetter in der 7b. Eine Woche später war jeder am Qualmen, aber pssst, bloß nichts der Mama sagen.

Als der Michi 13 wurde, gab es dann das erste Bier. Zwei. Drei. Und dann das Déjà-Vue. Gekotzt, aber cool. Denn als erstes gekotzt. Weißt Du das noch, wie der Michi völlig verdutzt aus der Wäsche geguckt hat, als Du das Sofa seiner Eltern ruiniert hast? Meine Fresse, der dachte, die reißen ihm die Birne ab, bekam dann aber nur einen Monat Hausarrest. Uns war es scheißegal. Die Entdeckung des Alkohols war unser Startschuss in eine berauschende Zukunft. Das Bier schmeckte bitter, aber als König gewöhnt man sich an alles. Alkohol ist Dein Freund. Er lässt Dich Sorgen vergessen und baut Hemmungen ab. Mach Dich mal locker! Wenn’s so schon nicht klappt, dann versuch’s mal mit Wodka. Die Russen haben’s ja auch zur Weltmacht geschafft.

Und kannst Du Dich noch an unseren ersten Joint erinnern? Da wuchsen uns Flügel. Alles lässig cool, scheiß auf die Rinderpisse von Redbull, abchillen war angesagt. Die Matten waren länger geworden, Nirvana am Start und mit ein bisschen Gras in der Tasche flogen die Weiber auf uns ab. Und wenn wir mal gekotzt haben, hatten wir ja noch uns. Wahre Freunde, die sich vor dem Porzellangott gegenseitig die Haare aus dem Gesicht gehalten haben. Lachflashs kombiniert mit Fressattacken morgens um fünf beim Burger King. Könige der Nacht. Das waren wir. Erstes Mal mit Nadine. Erst Du, dann ich. Alles geteilt. So breit wie ein Fußballfeld, aber trotzdem noch zum Schuss gekommen. Erst Du, dann ich.
Und dann kam noch der Jo dazu – der Mann mit den besten Preisen im Viertel. Hin und wieder ein Gramm gratis, und es gab nichts, was er nicht besorgen konnte.

Die Krönung war ja dann der Junggesellenabschied von Frank. Junge, Du kannst doch nicht heiraten, ohne die Königsdroge überhaupt ausprobiert zu haben, doch er wollte nicht. Wir wollten zwar nicht heiraten, aber unser Kokain haben wir dann selbst genommen. Einmal Nase pudern und ab ging die Post. So klar haben wir nie gesehen, die Worte flatterten uns zu wie Mücken in einer heißen Sommernacht, und wir wurden einfach nicht müde.

Ja, das war Dein Ding. Du sagtest immer, dass Du keine Drogen magst, aber die Drogen Dich dafür umso mehr. Sie sind auf Dich abgefahren. Und dann hast Du den Abflug gemacht. Wir haben immer alles geteilt, mein Freund, aber Dein Schicksal will ich nicht teilen. Ich will nicht in meiner eigenen Kotze landen und davon nicht einmal mehr etwas mitkriegen. Es ist zu früh zum Sterben. Schade, dass Du es anders gesehen hast. Danke, Alex, dass Du mir die Augen geöffnet hast.

Retrospektive

Liest sich für mich heute so wie ein bitterer Abschiedsbrief an den besten Freund – und ein Versprechen, es ab jetzt besser machen zu wollen. Ehrlich gesagt finde ich mich darin aber nicht wieder. Ich weiß nur noch, dass ich mich nach einer harten persönlichen Phase langsam gefangen hatte. Und wahrscheinlich weniger gefühls- denn story-getrieben schreiben wollte. Inspiration von anderen aus der Schulzeit: dass Kotzen irgendwie cool sein soll. Hatte ich schon damals nicht verstanden.

Und ich hatte damals einen Heiden Respekt vor Kokain – ein Freund sagte mir einst, das müsste meine Droge sein. So eloquent, wie ich sei, würden die richtigen (!) Worte nur aus mir heraussprudeln. Vielleicht war das die Grundidee – und die Angst davor der Treiber für die Geschichte. Nun, knapp 20 Jahre später kann ich ehrlich behaupten: absolut keine Ahnung. Nie probiert. Und anders als damals auch gar kein mehr Interesse daran, es nachzuholen.

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