Triggerwarnung: Selbstverletzung, Suizidgedanken, Sexuelle Szene
»Hallo, mein Name ist Frank, und ich habe die Borderline-Persönlichkeitsstörung.«
»Hallo, Frank«, antworten meine Leidensgenossen wie im Chor. Sie starren allesamt den Boden an. Vollgepumpt mit irgend welchen Psychopharmaka.
»Erzählen Sie uns doch bitte etwas über Ihre Symptome, Frank«, bittet mich der Mann in weiß, der um den Stuhlkreis herum und auf und ab läuft. Eine klare Grenze zwischen sich und den Gestörten vor Ort ziehend. Eine Grenze, die ich schon solange überschritten habe, dass ich gar nicht mehr weiß, ob es sie jemals gab.
Mein Psychologe oder Psychiater oder Bratwurstverkäufer, wer weiß das schon so genau, mustert mich von Kopf bis Fuß, bleibt mit dem Blick kurz bei meinen Armen stehen, den Narben der Vergangenheit, und versucht, mich mit den Augen zum Reden zu bewegen.
Das ist nichts Neues für mich, er sagte es mir bereits persönlich und unter vier Augen, und schriftlich habe ich es auch schon. Im Gutachten hat er mich als Problemkind mit Schwierigkeiten, Kontakt zu anderen Menschen aufzubauen und zu halten, beschrieben. Ich mag keine Menschen, und so vermessen es auch klingt, es kann mich sowieso niemand verstehen. Kontaktvermeidung.
Mein Arzt spricht von Derealisation, von einer verzerrten Realitätswahrnehmung.
Zu einer solchen Erkenntnis ist er nicht gekommen, weil er die Regelstudienzeit seines Bratwurst-Studiums um so und soviel Jahre überzogen hat. Viel mehr habe ich es ihm gesagt. Er ist nicht auf die Idee gekommen, das mal zu reflektieren, wenn ich ihm alles sage und somit gar nicht so kontaktscheu sein kann. Ich bin nicht introvertiert, nicht verschlossen, ich habe einfach keine Lust, hier und jetzt den anderen Gestörten meine Seele vor die Füße zu kotzen. Doch das sieht der Herr Prof. Dr. Med. Dipl. Psych. anders. Bei so wenig Empathie seinerseits frage ich mich, wer hier eigentlich wen therapieren soll.
»Ich habe Borderline, damit ist doch schon alles gesagt«, rufe ich mit ruhiger Stimme dem Doktor zu, der weiterhin Distanz wahrt. Er scheint nicht sonderlich begeistert, versucht erneut, mich zum Reden in der Masse zu bewegen.
Die anderen sitzen vollgedröhnt da. Der Arzt ist seiner arroganten Selbsteinschätzung auf den Leim gegangen. Ich bin scheinbar der Einzige im Raum, der im Vollbesitz seiner geistigen Fähigkeiten ist.
»Aber Sie müssen mit uns reden, Sie müssen sich mit Menschen austauschen, denen es ähnlich geht wie Ihnen. Nur das kann Ihnen helfen!«
Der Kerl kennt mich seit acht Monaten und weiß gar nichts von mir. Hätte ich nicht diesen Selbstmordversuch unternommen, wäre ich nicht hier und seine Welt wäre nicht besser oder schlechter und noch nicht einmal schwieriger für ihn. Wenn denn der nächste Versuch wenigstens von Erfolg gekrönt gewesen wäre, müsste ich hier nicht die Zeit totschlagen und hätte Ruhe.
Ich stehe auf und bewege mich zur Tür. Die anderen sitzen noch immer da und starren ins Leere. Kurz vor dem Verlassen des Gruppenraumes mit den Zombies drehe ich mich noch einmal um und sage dem Bratwurstpsychiater: »Was mir wirklich helfen würde, wäre ein Arzt, der intelligenter ist als ich.« Die anderen sitzen noch immer teilnahmslos da. Wenn sich nicht gelegentlich der Brustkorb heben würde, könnte man meinen, sie seien tot. Und auf gewisse Art und Weise sind sie es bereits. Es gibt keinen Ausweg. Keine Reaktion vom Doktor.
Ich gehe hinaus, durch den weißen Korridor, der nach Depression stinkt, nach Schizophrenie und Labilität. Die Geisteskrankheiten, die Psychosen und Neurosen lauern hier im Hospital hinter jeder Tür. Wer noch bei Verstand ist, wenn er hierher kommt, verliert diesen in der Regel spätestens nach einer Woche bei seinen Mitpatienten.
In meinem Zimmer, meiner Zelle, angekommen, lege ich mich aufs Bett. Seit zwei Monaten bin ich wieder hier, ohne Bewährung, und es gibt nichts, was mich irgendwie rauszuholen vermag. Ich kann nicht lügen. Ich sage nicht, dass ich mein Leben ach so toll finde, dass ich hier gelernt habe, mich selbst zu lieben, dass ich mich nie wieder schneiden oder verbrennen werde. Ich sage nicht, was sie hören wollen. Und weil die klassische Psychotherapie nicht angeschlagen hat, soll ich mich nun anderen mitteilen, anstatt außerhalb im wahren Leben zu versuchen, mein Leben zu leben.
Warum jemand krank sein soll, der sich umbringen will, verstehe ich noch immer nicht. Warum gilt ein übertriebener Überlebenswille als gesund, der Wunsch nach dem Tod aber als gestört? Mir wirft man einen gewissen Realitätsverlust vor, dabei ist es genau anders herum. Wer in dieser Welt Lebensunwillige lieber einsperrt und dafür Sorge tragen will, dass sie später wieder mit ihrer Umwelt konfrontiert werden, ist das gestörte, unrealistische Wesen. Ich bin nur nicht konsequent.
Ich versuche nicht zu denken, meine Gefühle abzustellen, aber das ist nicht möglich. Immerzu denke ich, fühle ich, versuche es zu kontrollieren, aber den Fluss meiner Emotionen kann ich nicht aufhalten. Und gleichzeitig gibt es eine Etage tiefer ein unbändiges Gefühl von Langeweile.
Mein Arzt spricht von einem chronischen Gefühl von Leere.
Es klopft, und der Doktor tritt herein. Er riecht nach bi-polarer Störung, aber das könnte Einbildung sein. Er setzt sich auf den Stuhl gegenüber meines Bettes. Mit seinen blauen Augen scheint er mich zum Aufsetzen dirigieren zu wollen, aber ich bleibe liegen.
»Frank«, sagt er, »ich finde es gut, dass Sie heute einmal mit zur Gruppentherapie gekommen sind, aber Sie sollten wirklich über Ihr Befinden mit Gleichgesinnten reden.«
Paradox. Borderline-Patienten sind extrem kritikanfällig und streben danach, immer etwas Besonderes sein zu wollen, und der Arzt ist der Auffassung, dass genau dieses Bild überdacht werden muss. Ich bin nichts Besonderes. Und Ziel ist es, mir das zu vermitteln. Einzigartigkeit gibt es nicht in der geschlossenen Anstalt, es gibt nur Krankheitsbilder, Schubladen, in die man sich hinein zwängen muss.
»Herr Jaritz«, erwidere ich, seine akademischen Titel lasse ich bewusst außen vor, »ich weiß mittlerweile, wo meine Probleme liegen. Und ich denke nicht, dass mir Gespräche mit Halbtoten etwas bringen. Ich will nach Hause. Das müssen Sie akzeptieren.«
Er tut es nicht. Natürlich. Mein Wunsch, hier nie wieder hin zu müssen, hat sich nach der Zwangseinweisung vor zwei Monaten erübrigt. Was ich will, ist unerheblich. Die anderen wollen, dass ich gesund werde, und diesem Wunsch habe ich mich zu beugen.
»Aber wir wollen Ihnen doch helfen, Herr Köhler.« Er spricht mich plötzlich mit Nachnamen an, heuchelt, dass er mich ernst nimmt, als Erwachsenen anerkennt, sperrt mich aber gegen meinen Willen ein und behandelt mich wie ein Kind. Unter diesen Umständen ist eine Katharsis nicht möglich, aber er weiß es besser. »Wehren Sie sich doch nicht so dagegen!«
Er wirkt fast verzweifelt, aber seine Augen verraten ihn. Es ist nur sein Job, dem er gewissenhaft nachgeht. Doch Borderline-Problematik hin oder her, ich bin zu clever, um mir nicht selbst ein Bild von meiner Lage machen zu können. Manchmal muss man mit den Wölfen heulen, um nicht gefressen zu werden.
»Vielleicht versuche ich es morgen erneut, Herr Jaritz«, sage ich in der Hoffnung, dass er mich dann in Frieden lässt. Ich habe zwar Angst vor dem Verlassenwerden, aber in dem Fall ist etwas anderes. Was ich mir wünsche, ist Ruhe. Die Menschen, die ich liebe, sind nicht da. Ich hasse es, alleine zu sein. Wenn Du jede Hoffnung verlierst, bleibt die Einsamkeit Dein letzter Begleiter. Und jetzt gerade sehne ich mich nach mich aufzehrender Einsamkeit.
Mein Arzt spricht von einem ausgeprägten Selbsthass.
Mag sein, jetzt aber hasse ich ihn weit mehr als mich selbst.
»Dann sehen wir uns morgen«, beendet der Doktor seine Bemühungen und Belehrungen leider noch nicht komplett. „Und sehen Sie zu, dass sie gleich etwas essen, Sie sehen nicht gut aus.“
Ich habe das Essen aufgegeben und mit dem Rauchen angefangen. Keine Ahnung, was zuerst da war, die Henne oder das Ei, der verminderte Appetit oder die andauernde Schmacht, aber das spielt auch keine Rolle mehr. Ich habe keine Lust, öfter als nötig zu essen, und das Rauchen ist sättigend genug.
Mein Arzt spricht von einem erhöhten Suchtpotential und von Suchtverlagerung.
Ich spreche von ganz normalen Bedürfnissen, derer Befriedigung jeder für sich nachgehen darf. In der Welt. Nicht hier. Hat man einmal seine Zurechnungsfähigkeit verloren, bekommt man sie nie wieder.
Ich sage: »Tschüß.« Und er lässt mich alleine mit mir.
Ja, nur Ruhe wünsche ich. Ruhe vor den anderen Geisteskranken, vor deren Gejaule und Geschrei jede Nacht und jeden Tag, vor den Schwestern und den Pflegern, vor den Ärzten, nicht zuletzt aber vor mir und meinen Gedanken, Emotionen, Ängsten. Ich habe gewissermaßen eine Form der Schizophrenie, kann aber unliebsame Eigenschaften nicht abspalten, sondern bekomme sie jederzeit mit und kann nichts dagegen tun. Ich weiß, dass ich gestört bin, krank, bescheuert, durchgeknallt, verrückt, man kann es nennen, wie man will, und es wissen auch alle anderen, aber niemand weiß, wie man damit leben kann. Niemand kann mir Sicherheit geben, es gibt keine Garantie, dass ich damit zurecht komme.
Es gibt keinen Knopf, der das ganze Gedankenkonstrukt vereinfacht, in das Emotionschaos Ordnung bringt, kein Patentrezept. Es gibt keine Gebrauchsanweisung für den Verstand.
Den einzigen Zufluchtsort bieten Messer, Rasierklingen, Glasscherben, meine Zähne. Gegenstände, die in der Lage sind, mir weh zu tun, mir Wunden zuzufügen, meinen Körper zu verunstalten, aber in erster Linie Linderung versprechen.
Mein Arzt spricht von Autoaggression.
Ich spreche von einem fünfminütigen Frieden, einem Waffenstillstand zwischen meiner Seele und meinem Geist, und mein Körper muss halt mit dem Kriegsbeil gepeinigt werden, bevor man es begraben kann. Körperlicher Schmerz lässt seelischen kurz verblassen, nicht lange, aber diesen Kurzurlaub genehmige ich mir, so oft es die Umstände erlauben.
Jetzt leider nicht. Es ist besser, meinem Trieb hier nicht stattzugeben, der mich geradewegs in die weiße Strickjacke zurückbringen würde, die keine Wärme spendet, sondern nur das unerbittliche Gefühl, keine Kontrolle mehr über sich haben zu dürfen. Persönlichkeitsrecht gibt es nicht, wenn andere meinen, man sei persönlichkeitsgestört. Man darf keine Gefahr für sich selbst sein, auch wenn man sich selbst so entschieden hat.
Um mich ein wenig abzulenken, besuche ich Lara im Nebenzimmer. Lara weist nicht nur ähnliche Merkmale auf wie ich, sie ist dabei noch schlimmer. Ich bin gezügelt, sie entfesselt.
Ich frage sie, wie es ihr geht. Sie antwortet nicht, sondern starrt nur an die Wand. Ihr Kittel ermöglicht einen guten Blick auf ihre Arme. Ich sehe meine Zukunft. Wunden, Narben, Tod. Es gibt keine Hoffnung auf Heilung, keine Rettung durch einen Messias, weil er nicht in uns wohnt. Hier gibt es keine Erretter, es gibt nur Kranke. Die eigentlichen Kranken und diejenigen, die jahrelang hier arbeiten und irgendwann krank werden. In allen zwischenmenschlichen Beziehungen werden Erwartungshaltungen, Bedürfnisse und Eigenschaften auf den anderen projiziert. Dagegen kann sich keiner verschließen.
Ich nehme Lara in den Arm, ihr leerer Blick geht an mir vorbei, aber ihr Körper freut sich offensichtlich über die Berührung, denn er reagiert entgegen kommend. Er schmiegt sich an mich. Sie hebt den Kopf, und ihre Lippen suchen nach meinen und küssen sie. Ich wehre mich nicht dagegen, obwohl in der realen Welt außerhalb dieser Anstalt meine Frau auf mich wartet. Oder auch nicht.
Leidenschaft umgibt uns, ein kläglicher Rest unserer positiven Emotionen. Sie steht auf, zieht den Kittel aus, zieht mir die Hose runter und deutet mir, dass ich mich auf ihr Bett legen soll. Sekunden später bin ich in ihr und wir lieben uns, als sei es das letzte Mal. Wie immer.
Mein Arzt spricht von Beziehungssucht, von einer polymorphen Sexualität.
Ich nenne es tiefe, innere Verbundenheit und Leidenschaft. Vertrauen und Verständnis, die ohne große Worte auskommen, die uns sonst niemand mehr vermitteln kann.
Ich habe das Lieben aufgegeben und mit dem Ficken angefangen. Suchtverlagerung.
Nach dem Akt gebe ich ihr einen Kuss auf die Stirn und gehe wieder. Ich brauche Nähe, aber zu lange halte ich sie nicht aus, sie erdrückt mich. Angewiesen auf Nähe, vor der man Angst hat.
Mein Arzt spricht von instabilen, intensiven Beziehungen, das Problem sei ich-synton.
Ich teile seine Meinung. Ich bin halt so.
In meinem Zimmer denke ich über Kathrin nach, meine Frau, die nie den Versuch unternommen hat, mich wirklich zu verstehen. Die dazu einfach nie imstande war. Die aber immer mit Ratschlägen helfen wollte, auf die ich nicht reagiert habe, und mich tadelte, wo es absolut unangebracht war. Ansonsten ist sie eine tolle Frau, die mir geholfen hat, die mich trotz allem weiter gebracht hat.
Mein Arzt spricht von extremen Idealisierungen und Entwertungen ein und derselben Person.
Mein Arzt soll sich ins Knie ficken.
Ich habe keine Ahnung mehr, wer ich bin. Ich weiß nicht mehr, was ich bin und was die Krankheit ist. Keine Ahnung, was richtig und was falsch ist. Frustrierend genug, dass man alle meine einzigartigen Charaktereigenschaften auf jeweils einer Seite in Dutzenden von Büchern nachlesen kann. Ich bin das Klischee. Ich bin die Krankheit. Wie man damit umgehen kann, steht nirgendwo. Nichts Konkretes.
Ob ich gut bin oder böse, ob ich überhaupt denken soll, gut oder böse zu sein, ich weiß es nicht mehr. Keine Ahnung, was ich machen soll, was ich machen will, was ich machen kann. Ich bin ein wertloses Stück Scheiße.
Mein Arzt spricht von Identitätsdiffusion.
Ich spreche aber nicht von Fremdwörtern, sondern von meinem Leben.
Jede kleinste Kritik ist wie ein Nadelstich mitten ins Herz. Jede Bemerkung meiner Mitmenschen kann mich aus der Bahn werfen. Und ich vergesse nie.
Ich habe Emotionen, die sich ein normaler Mensch nicht einmal vorstellen kann. Jedes Gefühl erlebe ich so intensiv, als sei es das Letzte, das ich vor meinem Tod erleben darf. Jeden Input verarbeitet mein Geist nicht nur, er sorgt dafür, dass sich jeder Eindruck mit sich selbst multipliziert und ewig im Kopf einbrennt. Ein Extrem folgt dem nächsten, vom tiefsten Schmerz zum höchsten Gipfel menschlicher Freude. Und das alles von Null auf Hundert in einer Sekunde. Himmel oder Hölle. Himmel und Hölle im Schnelldurchlauf.
Mein Arzt spricht von Impulsität, von extremer zwischenmenschlicher Sensibilität und einem extremen Emotionsgedächtnis.
Ich bin unberechenbar. Ich wünsche mir Neutralität.
Die Zeit verrinnt Sekunde um Sekunde, doch in dieser Einöde hat man Zeit genug. Zeit genug, sich verschiedene Wege zum Sterben auszudenken, die man besser für sich behält. Mein ganzes Leben wurde von der Krankheit bestimmt, und das letzte Jahr war hart, weil mein komplettes Weltbild überdacht werden musste. Jede einzelne Handlung ließ sich auf meine emotional instabile Persönlichkeitsstörung zurückführen. Mein berufliches Umorientieren, meine wechselnden Freundschaften, meine Sexualpraktiken. Einfach alles.
Mein Arzt spricht von Wahrnehmungs- und Bewusstseinsstörungen.
Ich nenne es die Hölle in meinem Kopf.
Stunden vergehen, und ich weiß nichts mit mir anzufangen. Ich überlege, wo ich eine Klinge herbekommen könnte. Nach zwei Monaten ohne körperzerstörerische Maßnahmen fällt es mir schwer, nicht solange mit dem Kopf gegen die Wand zu rennen, bis ich tot bin.
Es klopft. Der Doktor tritt erneut herein. Wieder bleibe ich liegen.
»Herr Köhler«, beginnt er, »ich habe sicherlich erfreuliche Nachrichten für Sie. Auch wenn Sie nicht zugänglich für diverse therapeutische Maßnahmen sind, haben Sie jetzt zwei Monate lang kein autoaggressives Verhalten mehr an den Tag gelegt. Und das ist ein beachtlicher Fortschritt!« Dass das eine geistige Tortur ohne Ende war, muss ich wohl verschwiegen haben. »Ich habe mit meinen Kollegen gesprochen, und wir sind der Meinung, dass Sie im eigentlichen Sinne zwar nicht geheilt sind, aber es unbedenklich ist, Sie nach Hause gehen zu lassen. Ihr vertrautes Umfeld kann Ihnen auf Dauer wahrscheinlich mehr helfen.« Er hat ein Lächeln im Gesicht. Ob es Freude für mich ist oder für sich, kann ich nicht beurteilen. Wahrscheinlich weder noch. Berufsbedingte Höflichkeit. »Was sagen Sie dazu?« Eine gute Frage.
»Ich freue mich natürlich, dass Sie endlich zu der gleichen Erkenntnis gelangt sind wie ich«, sage ich und fahre fort, »aber das habe ich Ihnen ja die ganze Zeit erzählt. Wann darf ich gehen?«
»In drei Tagen können Sie nach Hause. Und wenn Sie zu uns zurückkommen wollen, steht unsere Tür jederzeit für Sie offen.« Das glaube ich gerne. Ob ich will oder nicht.
Er verlässt mich wieder. Noch drei Tage, dann bin ich frei. Keine Anstalt mehr. Keine gestörten Wichser auf Droge. Keine Gedanken mehr. Kein Chaos mehr in meinem Kopf, keines in meiner Seele. Keine Überforderung mehr, zwischen der inneren und der äußeren Welt vermitteln zu müssen.
Mein Arzt wird von einer Fehleinschätzung der Suizidalität sprechen.
Für mich wird es die einzige Möglichkeit sein, endlich mit mir selbst Frieden schließen zu können.
Retrospektive
Wehmut vermischt sich mit Stolz. Die Erinnerung trügt ja meistens, aber nicht immer. Diese Geschichte ist ein gutes Beispiel. Sie ist und bleibt für mich das Herzstück meines kurzen, wenig ambitionierten literarischen Schaffens. Ich liebe jedes Wort und jeden Satz daran, mag den subtileren, mit wenigen Ausnahmen wenig reißerischen Stil, der aber trotzdem einem Tritt in den Magen gleicht. Intensiv und authentisch geschrieben, auch wenn ich weder damals noch heute eine „Geschlossene“ (oder das Tagesklinik-Äquivalent, keine Ahnung) von innen gesehen habe.
Der Hintergrund der Geschichte ist weiterhin eine schwierige Findungsphase (hat mich mittlerweile jemand gefunden? Frage für einen Freund). Dieses Selbstverlustgefühl war damals genauso real wie die beiden Frauenfiguren. Und vielleicht mag es aufgrund dessen nur für mich funktionieren, aber ich finde die Geschichte einfach großartig. Viel Gefühl und noch mehr literarische Verdichtung. Vor allem, weil es nur eine Geschichte ist.
Obwohl… Es sind wahrscheinlich zwei Geschichten; inspiriert von „zwei große Lieben“: Fight Club und Girl: Interrupted. Aus diesen Zutaten, so glaube ich, habe ich eine ganz schöne, eigene Mischung hinbekommen. Chapeau, junger Maddin. Vermutlich war das der Gipfel. Vielleicht hätte ich danach einfach aufhören sollen.

