„Was wollt Ihr?“ fragt er und wird angespuckt.
„Ich habe nichts“, sagt er und kassiert einen Tritt in den Hintern.
„Ich habe wirklich nichts“, sagt er und bekommt eine Faust aufs Auge gedrückt.
Bisher ist nichts Ungewöhnliches passiert. Wie jeden Tag wird Stefan Opfer der Dreiergang aus der zehnten Klasse. Er als kleiner Achter hat da wenig zu melden. Zunächst haben sie ihm nur das Pausenbrot abgenommen, dann seine Schultasche über dem Klo geleert, daraufhin ihn selbst ins Klo getaucht. Über Diebstahl seiner wertvolleren Sachen wie Fossil-Uhr oder Lamy-Füller, einmal haben sie ihm nach dem Sportunterricht sogar seine neue Levi’s abgenommen und er konnte von Glück reden, dass er dann noch schnell in die Sporthose schlüpfen konnte, musste er über Beleidigungen jedweder Art bis hin zu einem Armbruch und diversen Prellungen schon alles über sich ergehen lassen.
„Morgen bringst Du uns wieder was mit. Wehe, es gefällt uns nicht! Und denk dran: Sagst Du jemandem etwas, dann bist Du erst richtig dran!“
Ja. Es ist alles wie immer. Auch zu Hause.
Seine Eltern fragen, was mit ihm in letzter Zeit los wäre, warum er so oft krank ist, ständig über Magenprobleme und Kopfschmerzen klagt, und warum seine schulischen Leistungen den Bach runter gehen.
„Nichts“, antwortet der Junge, „Schule ist einfach zum Kotzen und bei dem Fraß hier sind Bauchschmerzen ja kein Wunder.“ Irgendwo muss er ein wenig Frust abladen.
„Also, mein Sohn“, erwidert sein Vater, „zur Schule mussten wir alle, ohne uns so wie Du anzustellen, und wenn Du selbst kochen willst, Du weißt ja, wo die Küche ist. Du weißt ganz genau, wie schlecht es Mama gerade geht, und dann machst Du ihr auch noch so einen Kummer?! Undankbarer Bengel!“
Stefan verzieht sich in sein Zimmer, an den Wänden sind Poster von Basketball- und Fußballgrößen und von Ché Guevara und von Bands, die seine Eltern als kaputten Krach definieren und als Auslöser für die rebellische Phase ihres Sprösslings ausgemacht haben. Nicht zu vergessen die Videospiele, die ihr Junge spielt, die natürlich dafür verantwortlich sind, dass er kaum Freunde hat. Warum er lieber in seinem Zimmer hockt und Ballerspiele zockt, das wissen seine Eltern nicht. Sie wissen auch nicht, warum Stefan plötzlich keine Uhr mehr hat, warum Stefan eine teure Jeans weniger besitzt und dass der gebrochene Arm kein Unfall war, sondern das Werk von Matthias, René und Ronny. Seine Eltern wissen wahrscheinlich nicht einmal, wer das ist. Sie wissen gar nichts.
Aber eines Tages wird er sich rächen bei den Bastarden. Eines Tages…
Warum nicht gleich morgen? Er hat nichts mehr, was dem Dreigespann gefallen könnte. Er hat nichts mehr. Er hat nichts mehr zu verlieren.
Aber sein Vater hat noch etwas, das von Interesse sein könnte. Als passionierter Jäger und Waffenliebhaber nennt er gewisse Flinten sein Eigen – unter anderem auch eine neue Pumpgun.
Stefan legt sich schlafen, stellt sich aber den Wecker auf vier Uhr in der Früh. Dann liegen seine Eltern noch im Bett und er kann in Ruhe das Spielzeug seines Vaters rausholen und einpacken.
Stefan heult. Er macht kein Auge zu. Zu groß ist die Angst, dass es nicht hinhaut. Was ist, wenn die Bastarde ihn durchsuchen, bevor er sie niedermähen kann? Dann ist er höchstwahrscheinlich zuerst tot. Also muss er schnell sein. Und dann gehört die Pein ein für alle Mal der Vergangenheit an. Jugendstrafe, Gerichte oder Hausarrest hätte er nicht zu befürchten. Die letzte Kugel ist für ihn bestimmt. Keiner würde um ihn weinen. Nur ein weiterer Jugendlicher, der dank Disturbed und Doom Amok läuft. Seine Eltern werden im Nachhinein sagen, nie etwas dergleichen geahnt zu haben.
Seine Lehrer werden ihn als stillen Schüler bezeichnen, der den anderen 13-, 14- und 15-Jährigen in seiner Klasse etwas hinterherhinkt.
Seine kleine Schwester wird noch mehr Liebe von seinen Eltern bekommen.
Man wird versuchen, ihnen die Schuld für das Massaker zu geben. Und das geschieht ihnen ganz recht, denkt sich Stefan. Die interessieren sich nur für sich, ihr Geld und ihr kleines Töchterchen. Ihr Sohn bleibt auf der Strecke.
Stefan malt sich die ganze Nacht aus, wie er von den drei Jungs nach dem Biounterricht wie jeden Donnerstag verfolgt und hinter der Turnhalle von ihnen eingeholt wird. Wie sie ein paar Meter von ihm wegstehen, langsam näherkommen und ihn dann nach allen Möglichkeiten der Kunst fertig machen wollen. Aber er wird schneller sein! Er wird ganz schnell sein Gewehr aus dem Rucksack holen und erst Matthias, dem Anführer, ins Knie schießen.
Dann wird er auf René zielen und sagen, falls sich nur irgendwer bewege, „dann seid Ihr alle tot!“ Auch René kriegt seine Strafe für die Beleidigungen und Tritte und den gebrochenen Arm. Als Dank für den Gips wird seine Hand dran glauben müssen. Und Ronny bekommt eine Kugel in den Fuß. Wenn alle Drei sich vor Schmerzen auf dem Boden krümmen, wird er Entschuldigungen verlangen für das letzte halbe Jahr, das für ihn die Hölle auf Erden bedeutete. Und wahrscheinlich werden sie um ihr kleines Leben betteln und auf das Leben ihrer Freundinnen und Mütter und kleinen Geschwister und Haustiere schwören, dass sie das nie mehr machen werden. Eine Pumpgun ist Macht.
„Zu spät“ wird Stefan sagen und dann einen nach dem anderen abknallen. Und sich dann den Rest geben. Und endlich Frieden finden. Bevor auch nur irgendein Lehrer oder die herbeigeeilten Polizisten den Schüssen auf den Grund gehen.
Für Kommissar Müller wird das ein schöner Anblick, seinen toten René mit zerfetztem Gesicht in einer Blutlache aufzufinden.
Hach, das sind schöne Aussichten, und Stefans Angst weicht einer gewissen Vorfreude auf die Bluttat. Ruhe ist das Ziel. Nichts mehr fühlen zu müssen. Keine Demütigungen und Schmerzen mehr erfahren zu müssen.
Stefan schläft keine Sekunde. Und doch ist er topfit. Heute ist sein Tag, und wie geplant klaut er Papas Pumpgun um vier Uhr und übt Haltung und Zielen in seinem Zimmer. Ohne abzudrücken. Das kommt noch früh genug. In Englisch, Deutsch und Bio ist Stefan ruhig wie eh und je, niemand ahnt etwas von seinem Plan.
Als die sechste Stunde, die letzte Biostunde seines Lebens, zu Ende ist, packt er ganz ruhig seine sieben Sachen und geht gemütlich nach draußen. Auf dem Schulhof warten schon seine drei Peiniger. Wie gehabt rennt Stefan davon und wird hinter der Turnhalle von ihnen geschnappt.
Langsam kommen sie auf ihn zu, und Matthias fragt: „Und, was hast Du uns mitgebracht?“
Stefan packt blitzschnell die Pumpgun aus seiner Tasche und antwortet cool: „Das hier.“
PENG. Ehe sich Matthias versieht, hat er eine Kugel im Knie und einen Kloß im Hals. Nicht einmal schreien kann er auf Grund der Schmerzen, der überraschenden Situation. Und wie geplant weist Stefan die anderen Jungs darauf hin, sich nicht zu bewegen. PENG. René würde auf ein Leben mit Prothese vorbereitet, wenn er das Spiel hier länger als fünf Minuten überstehen würde, aber dass dies nicht der Fall sein wird, weiß er ja noch nicht.
Ronny schreit: „Was soll der Scheiß?“
Und Stefan antwortet: „Rache, Arschloch!“ PENG. Ronnys Fuß ist um ein großes, blutendes Loch und ein Projektil reicher. Stefan fährt fort: „Ihr habt mich das letzte halbe Jahr gequält, mir den Arm gebrochen, mich verprügelt und beklaut. Gibt es irgendein Argument, warum ich das nicht tun sollte?“
Und wie verabredet wimmern plötzlich alle Drei, dass es ihnen Leid tut und sie ihn in Zukunft in Ruhe lassen, wenn sie gehen können. Matthias schwört auf das Leben seiner Mutter, dass er Stefan nie mehr ein Haar krümmen wird.
„Nett von Euch“, erwidert Stefan, „aber leider zu spät.“ PENG PENG PENG.
Alle drei Jungs liegen unkenntlich verunstaltet auf dem Rasen hinter der Turnhalle. Die Sirenen der Polizei ertönen aus der Ferne, und Stefan ist bereit für seine letzte große Tat. Er führt die Pumpgun zu seinem offenen Mund und drückt ab.
„Hey, taube Nuss, hörst Du nicht? Was hast Du für uns?“ Matthias fragt zum zweiten Mal. Und schlägt zum ersten Mal zu. Stefans Nase blutet. Ronny und René spucken ihn an. Stefan kramt in seiner Tasche, keine Waffe gefunden. Die muss er am Morgen vor lauter Vorfreude vergessen haben.
„Ich habe leider nichts mit. Aber ich habe etwas für Euch bereit gelegt“, antwortet Stefan. „Ich habe aber verschlafen und dann vergessen, es einzupacken. Ich bringe es morgen mit. Versprochen.“
„Okay, ausnahmsweise, aber nur weil wir uns noch um andere Dinge kümmern müssen. Wenn morgen nichts da ist, dann ist Deine Nase nicht nur blutig, sondern auch gebrochen. Das versprech’ ich Dir! Bring uns morgen etwas mit!“
Versprochen, Arschloch, denkt sich Stefan und kassiert die letzten Schläge mit einer gewissen Genugtuung. „Morgen werde ich garantiert daran denken.“
Retrospektive
Puh, die Geschichte hat jetzt echt keinen Spaß gemacht. Das liegt nicht am stereotypischen Teenager, der für die damalige mediale Landschaft nach Columbine und Erfurt (aber noch vor Emsdetten) quasi eine Blaupause für Amokläufe dargestellt hat (Rockmusik, Videospiele – immer noch an Lächerlichkeit kaum zu überbieten), sondern darin begründet, dass ein Kind hier das Opfer (+potentieller Täter) ist. Ich finde Stefans Story tatsächlich ziemlich beklemmend und kann die Verzweiflung, die er empfindet, nachfühlen. Rache wie hier ist zwar bei diesem Leidensdruck nachvollziehbar, aber natürlich dennoch keine Lösung. Ich glaube, genau deshalb hat Stefan auch eine Chance bekommen, seinen Plan vielleicht doch noch einmal zu überdenken. Eine Alternativlösung habe ich ihm jedoch (leider) nicht skizziert.

