7 Uhr, irgendein Wald. Zwei Männer.
„Wie werden wir nur die scheiß Leiche los?“ fragt der eine.
„Wir lassen sie einfach hier liegen. Hier werden schließlich immer wieder irgendwelche Toten aufgefunden“ erwidert der andere.
„Aber was ist, wenn wir Fingerabdrücke hinterlassen haben?“ fragt der eine.
„Das garantiert, immerhin klammerst Du immer noch ihre Hand. Außerdem: Denkst Du nicht, dass Dein Sperma in ihr viel schlimmer ist?“ Der andere grinst.
„Jetzt hör auf mit dieser Scheiße!“ schreit der eine. „Wir haben ein ernstes Problem!“
„Nein“, meint der andere, „das Problem hast Du. Du hast Sex mit ihr gehabt, Du hast in sie reingespritzt, und wie das bei russischen Prostituierten so ist, kosten sie fast nichts und dafür gibt’s einen Tripper kostenlos dazu. Dein Schwanz wird abfaulen. Siehst Du, Du hast das Problem. Um ehrlich zu sein, nicht nur eins.“
„Du verficktes Arschloch!“ kreischt der eine. Tränen sammeln sich in seinen Augen.
„Na, na, na. Du musst ja nicht gleich vulgär werden, oder?“ Der andere grinst nicht mehr über beide Ohren, es ist nun eher ein überhebliches, süffisant-sarkastisches Lächeln. „Was kann ich dafür, wenn Du nicht auf Mama gehört und verhütet hast?“
„Warum tust Du mir das an?“ Das Schluchzen des einen klingt wirklich verzweifelt. Arme Sau. Jetzt heult er auch noch die Leiche voll. „Ich dachte, wir wären Freunde?“
„Freunde? Machst Du Witze?“ Der andere grübelt. Nein, er tut so, als ob. „Du kennst mich seit knapp sieben Stunden. Das sind 420 Minuten oder auch 25200 Sekunden. Du kannst in 25200 Sekunden ungefähr 500mal einen fahren lassen, aber nur, wenn Du fleißig Mamas Bohnensuppe gegessen hast, oder nach Gambia fliegen. Aber nach 25200 Sekunden von Freundschaft zu reden, das kannst Du nicht.“
„Aber Du hast doch zuerst davon angefangen!“ entgegnet der eine.
„Ja, ich kann ja auch. Das ist der Unterschied zwischen Dir und mir. Ich wusste, worauf ich mich einlasse, als ich Dich ansprach. Du wusstest nicht, worauf das hinausläuft, mit mir mitzugehen. Du tust, was ich will. Ergo bist Du mein Freund.“ Der andere nickt eifrig, um seine eigene Aussage zu unterstützen.
„Also war das alles von Dir geplant?“ Der eine senkt seinen Blick und erkennt, dass er neben Sperma und Fingerabdrücken auch noch Tränenflüssigkeit am Tatort hinterlässt. Aber noch kann er die Leiche ja entsorgen. Die Hoffnung stirbt zuletzt.
„Natürlich. Organisation ist das halbe Leben.“ Da hat der andere Recht. „Deshalb kann ich Dir auch sagen, dass es gleich anfangen wird zu regnen und zumindest die Fußspuren in dem Matsch hier unkenntlich machen wird. Davon ab, dass Doc Martens in Größe 43 ja wirklich selten sind. Ich bin also aus dem Schneider, ich habe das Mädchen ja nicht angefasst. Und schon gar nicht meinen perversen Phantasien freien Lauf gelassen, wie es andere Menschen tun. Jemand wie Du beispielsweise.“
„Aber Du hast doch…“ der eine wittert etwas Hoffnung, wird aber abrupt unterbrochen.
„Jajaja, ich habe sie getötet, aber wollen wir uns wirklich mit solchen Kleinigkeiten aufhalten?“ Der andere ist nicht nur haushoch überlegen, sondern langsam auch müde.
„Du hast sie getötet, Du Bastard! Ich gehe zur Polizei! Und dann bist Du dran!“ Der eine ist erbost, verzweifelt, zugekifft und fühlt sich obendrein tierisch verarscht. Wohl nicht sein Abend.
„Ja, mach nur. Das ist Dein gutes Recht und sogar Deine Pflicht als ehrbarer Bürger dieser Gemeinde.“ Der andere meint das wirklich so, denn: “Aber glaubst Du allen Ernstes, die Herren von der Polizei glauben Dir kleinem Kiffer, wenn Du mit zugedröhnter Birne bei ihnen antanzt und einen Dir völlig unbekannten Mann beschuldigst, die Nutte, die Du gefickt hast, die vollgepumpt mit Deinem Sperma ist, umgebracht zu haben? Sehr glaubwürdig. Und außerdem trage ich Handschuhe“, der andere hält kurz inne und tritt näher, „am Messer sind also nicht meine Fingerabdrücke, sondern Deine“.
„Nein, das sind sie nicht. Ich habe es nicht angerührt.“ Der eine ist etwas erleichtert, immerhin ein Indiz, das für ihn spricht. Ein Happyend ist dennoch nicht in Sicht.
„Noch nicht.“ Ehe sich der eine versieht, schneidet der andere ihm die Kehle durch. Verheulte Augen, Resignation und pure Angst trüben die Sinne. Potentielle Leiche Nummer zwei sinkt zu Boden und muss zusehen, wie der andere das Messer wieder in der Brust von Leiche Nummer eins platziert.
„Interessiert es Dich, warum ich das getan habe?“ fragt der andere. „Wenn ja, keuche mal kurz, vor dem Ende willst Du vielleicht wissen, wieso und weshalb.“
Ein undefinierbarer Laut kommt aus der Richtung des einen, der, Hände am Hals, auf dem Boden kauert. Der andere fasst das als Keuchen und somit als ja auf.
„Es ist so einfach, die Menschen zu sonst was zu ermutigen. Vor allem dumme Jungen, die nervös billige Mädchen anstarren, sich aber nicht trauen, einfach hinzugehen und es zu tun. Du hast nur auf jemanden gewartet, der Dir den entscheidenden Ruck gibt. Da war ich. Du hast mich gerufen. Du warst ein gefundenes Fressen. Einfühlsame Gespräche, geheucheltes Verständnis, denn wir waren ja alle früher verklemmte Jungfrauen und haben alle die Unschuld im Puff oder Wald mit Huren verloren, ein bisschen die Seele getätschelt, ein Tütchen geraucht und Du bekamst Flügel. Ich habe Dich fliegen lassen. Und ich habe Dich bitter in den Abgrund stürzen lassen.“
Der andere überlegt. „Könntest Du noch sprechen, würdest Du vielleicht fragen, ob ich Spaß daran habe, andere Menschen zu quälen. Die Antwort ist ja! Warum? Einen weitestgehend unschuldigen Jungen zu zerstören, sein Vertrauen auszunutzen, ihm einen vergifteten Lutscher zu reichen und ihn daran ersticken zu lassen, das ist wie Gott spielen. Ich tue es hauptsächlich, weil ich es kann. Ich nutze lediglich mein vorhandenes Potential aus. So, und nun gehe ich futtern. Meinst Du, McDonalds hat noch oder wieder auf? Willst Du auch was? Wohl eher nicht.“ Der andere dreht sich langsam um und entfernt sich vom Geschehen. Im Weggehen sagt er noch: „Wenn ich Dir einen Tipp geben darf: Sei in Deinem nächsten Leben ein bisschen vorsichtiger mit der Wahl Deiner Freunde und außerdem…“ Der andere sieht nicht, dass der eine seine letzten Kräfte bündelt, um das Messer aus der Frauenleiche zu ziehen, und es nach ihm wirft. Weit daneben. Verheulte Augen, Todesangst und akuter Sauerstoffmangel trüben die Koordinations- und Sehfähigkeit. „Und außerdem,“ wiederholt der andere, „sollte man mit Messern nicht auf Fremde schmeißen. Hat Dir Deine Mama das nie gesagt?“
Er dreht sich ein letztes Mal und aus sicherer Entfernung um, blickt den einen an und erzählt: „Beim Studieren der Zeitung denke ich an Dich. ‚Junger Junkie killt Nutte, dann sich selbst’ – eine tolle Schlagzeile, nicht wahr? Nicht ganz die Wahrheit, aber nah dran, nicht? Deine Fingerabdrücke sind nun, wie von mir prophezeit, auf dem Messer. Klarer Fall. Und nun, junger, toter Freund, leb wohl.“
Der eine hat ins Gras gebissen und konnte nicht mehr dem Rest des Monologs des anderen folgen, wohl besser für ihn. Der andere verschwindet und belohnt sich bei strömendem Regen mit vier Hamburgern für die lange Nacht. Vor BSE hat er keine Angst, denn der Tod lauert überall, wie er kurz zuvor eindrucksvoll unter Beweis gestellt hat.
Und die Moral von der Geschicht’:
Der eine ist tot, der andere nicht.
Retrospektive
Die Geschichte ist arg menschenverachtend. Ich war (und bin) es nicht. Eigentlich wollte ich nur auf die Pointe hinaus: „Und die Moral von der Geschicht’… der eine ist tot, der andere nicht.“ Darum herum habe ich eine Geschichte gestrickt: Opfer gegen Killer, naiv gegen kaltblütig. Fast ausschließlich im Dialog, ein wenig Tarantino-like – wenn auch holprig umgesetzt. Der zynische Ton trägt, doch die endlosen Monologe hätten dringend eine sichere Schere gebraucht.

